Elvis ist allgegenwärtig: Gebäude auf dem Gelände der Hopson Plantation bei Clarksdal. - © Thomas Klingebiel
Elvis ist allgegenwärtig: Gebäude auf dem Gelände der Hopson Plantation bei Clarksdal. | © Thomas Klingebiel

Kultur Pilgerfahrt durchs Bluesdelta der USA

Kulturredakteur Thomas Klingebiel begleitete das Bielefelder Duo Greyhound George und Andy Grünert nach Mississippi und Tennessee

Thomas Klingebiel

Memphis. Das Navi meldet: Ziel erreicht. Der Blick aus dem Mietwagen lässt zweifeln: nichts als schmutzigbraune Weite, über die sich ein dramatisch bewölkter Himmel wölbt. Im Oktober wird die reife Baumwolle die Felder hell leuchten lassen. Ein Schild zwischen knorrigen Eichen gibt dem Navi recht: „Muddy Waters’s House".Zu sehen gibt es aber nicht Muddys Holzhütte, sondern nur den Hügel, auf dem sie einst auf der Stovall Plantation stand. Greyhound George schreitet zu einem Pult mit bronzener Gedenktafel. „Von seinem dritten Lebensjahr an, bis er 1943 nach Chicago aufbrach, wohnte Muddy Waters (geboren McKinley Morganfield) an dieser Stelle in einer Baumwollpflückerhütte", ist dort zu lesen. Bevor er die Rolling Stones und unzählige andere Rockgrößen beeinflusste, drehte er hier seine Runden mit dem Traktor.Abstecher zum Mundharmonika-Guru Hier entdeckte ihn 1941 der Musikforscher Alan Lomax. Greyhound George (54) alias Jürgen Schildmann und Andy Grünert (52) wissen die Bedeutung dieses Fleckchens Erde zu würdigen.Das Bielefelder Blues-Duo hat an der International Blues Challenge in Memphis teilgenommen und erkundet nun das Bluesdelta weiter südlich zwischen Mississippi und Yazoo River (nicht zu verwechseln mit dem Delta am Meer). Andächtig lassen sie „Muddy’s Mound" und die Landschaft nördlich von Clarksdale auf sich wirken. „Das ist schon etwas Besonderes", sind sie sich einig.Ortsnamen wie Clarksdale oder Rosedale sind ihnen aus zahllosen Bluessongs vertraut. Nun rollen sie die Highways 61 und 49 entlang, und die mythischen Städte nehmen konkret Gestalt an. Der ärmste Bundesstaat der USA, stellen sie fest, „vermittelt bis heute ein ziemlich authentisches Blues-Lebensgefühl". Allein Clarksdale, wo John Lee Hooker, Sam Cooke und Ike Turner geboren wurden, ist getrost einen Zwei-Tage-Stopp wert. Zumal, wenn man wie Andy Grünert unbedingt dem Mundharmonika-Guru Deak Harp in dessen Shop seine Aufwartung machen möchte.Zeitreise auf den Dockery Farms Clarksdale ist Stein gewordene Bluesgeschichte. Man sieht viel malerischen Verfall neben frisch gestrichenen Fassaden und Baustellen, die auf Wiederbelebung deuten. Das „New Roxy", ein altes Kino, wurde nach 30 Jahren Leerstand zum Kulturzentrum aufgemöbelt. „Es geht wieder aufwärts", versichert ein junger Passant. Abends wird in Morgan Freeman’s Ground Zero Blues Club und in „Red’s Lounge" Live-Musik gespielt. Im Sommer reiht sich hier ein Festival an das nächste.Auf den Dockery Farms in Cleveland, 1895 gegründet, schufteten und musizierten Legenden wie Charley Patton und Son House. Ihre Blues-Spielarten verbreiteten sich von Musiker zu Musiker im Delta und darüber hinaus. Fünf originale Gebäude der Plantage sind erhalten, Bretter-Gehäuse, durch die der Wind pfeift. Auf Knopfdruck schallt eine alte Charley-Patton-Aufnahme übers Gelände – eine Zeitreise. Indianola, 40 Kilometer südlich, ist die Heimatstadt B. B. Kings. 2008 hat der Gitarrist hier ein modernes Museum in eigener Sache eröffnet. Es wurde an das alte Cotton-Gin-Gebäude gebaut, die Baumwohlmühle, in der er noch selbst gearbeitet hatte.B. B. Kings verwaister Tourbus steht auf
dem Parkplatz King starb 2015 und ist neben dem Museum begraben. In einer Parkplatzecke steht sein verwaister Tourbus. Der soll einmal in die Ausstellung integriert werden, sagt Museumssprecherin Evonna Lucas.Übernachten in der Baumwollpflücker-Hütte In Greenwood, einem schmucken Delta-Städtchen, trifft man auf viel gut erhaltene Architektur und hübsche Geschäfte. Anders der Eindruck jenseits der Bahngleise, im Schwarzen-Viertel „Baptist Town". Hier lebte einst Blues-Legende Robert Johnson. Man hat das Gefühl, es könnte gestern gewesen sein. Johnsons mutmaßlich echtes Grab liegt außerhalb an der Money Road, die zu Segregationszeiten für rassistische Gewalttaten berüchtigt war. Der Weg dorthin führt über die Tallahatchie Bridge, berühmt aus Bobby Gentrys „Ode to Billie Joe".An der Money Road liegen auch die Tallahatchie Flats, ein etwas anderes Motel, das die Einfühlung in die Ära der alten Blueshelden noch einmal steigert. Greyhound George und Andy Grünert quartieren sich in einer der rustikalen Baumwollpflückerhütten ein. „Wir haben so viel gesehen und erlebt – es wird dauern, das alles zu verarbeiten", sagen sie. Mit Gitarre und Mundharmonika machen sie es sich auf der Veranda bequem. Die Abendluft wird vom Bielefelder „Applestreet Boogie" erfüllt. Angekommen.[SEITENWECHSEL]Wo Tina Turner zur Schule ging „Church house, gin house, school house, outhouse" – aus viel mehr besteht Nutbush auch heute nicht. Man findet alles so vor, wie Tina Turner es 1973 in ihrem Hit „Nutbush City Limits" über ihren Geburtsort in Tennessee gesungen hat. Nur der Highway Nr. 19, der ebenfalls im Lied vorkommt, heißt ihr zu Ehren auf diesem Abschnitt inzwischen „Tina Turner Highway".Die ländliche Gemeinde etwas mehr als eine Autostunde nordöstlich von Memphis zollt ihrer berühmten Tochter mit einem Welcome-Schild am Dorfladen, einem jährlichen Festival am vierten September-Wochenende („Tina Turner Heritage Days") und einem kleinen Museum Anerkennung. Es ist Tina Turners alte Schule aus dem Nachbarort Flagg Grove. Sonia Outlaw-Clark mobilisierte Sponsoren für die Restaurierung und ließ es auf das Gelände des Delta Heritage Center auf einer Raststätte der Interstate 40 bei Brownsville versetzen. Dort steht es neben einem kleinen Museum für den Bluesgitarristen Sleepy John Estes.Turner (76), die in der Schweiz lebt, stellte viele persönliche Dinge wie Bühnenkleider und ein altes Highschool-Jahrbuch zur Verfügung. 2012 eröffnete das Museum. Letztes Jahr wurden 30.000 Besucher gezählt. Nur die Namensgeberin hat sich noch nicht blicken lassen. „Sie wird eines Tages einfach unangemeldet auftauchen", ist sich Outlaw-Clark sicher. „Sie hat hier zu viel eingebracht, um nicht zu kommen."[SEITENWECHSEL]Abstecher nach Jackson Memphis und Nashville sind die großen musiktouristischen Ziele. Zwischen beiden Städten und ihren Clubs pendeln auch die Musiker. Wenn sich entlang der Interstate 40, dem „Music Highway", ein lohnender Gig einschieben lässt – umso besser. „In Jackson treten viele tolle Musiker auf", bestätigt Lori Nunnery vom Tourismusbüro. Zum Beispiel in Brooks Shaw’s Old Country Store Restaurant, das zudem ein üppiges Southern-Buffet bereithält.Das Carnegie Museum im ehrwürdigen Gebäude einer früheren Bibliothek erinnert an berühmte Musiker aus West-Tennessee. „Musik liegt hier in der Luft", sagt Lori. Rock’n’Roll-Pionier Carl Perkins („Blue Suede Shoes") hat einen ganzen Raum für sich. Auch eines der ersten „Hard Rock Cafes" gab es in Jackson. Wie Perkins stammt Isaac Tigrett, Mitbegründer der Kette, von hier. Für Bluesfans ist ein Besuch am Grab von Sonny Boy Williamson Pflicht, Vater des modernen BluesHarmonika-Spiels.

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