Weiß sich in Szene zu setzen: Helge Timmerberg hat eine kurzweilige autobiografische Rundreise verfasst. - © Frank Zauritz
Weiß sich in Szene zu setzen: Helge Timmerberg hat eine kurzweilige autobiografische Rundreise verfasst. | © Frank Zauritz

Kultur Helge Timmerberg erzählt in seinem neuen Buch von prägenden Jahren in Bielefeld

„Die rote Olivetti“

Anke Groenewold

Bielefeld. Frauen, Partys, Exzesse und goldene Jahre in Havanna – es war längst überfällig, dass der Reisejournalist Helge Timmerberg aus seinem schillernden Leben plaudert. Nicht, dass der 64-Jährige mit privaten Enthüllungen je gegeizt hätte. Alle seine Bücher sind persönlich. Einige Lebensabschnitte waren bis dato noch unerzählt. Das holt Timmerberg mit seinem Buch „Die rote Olivetti" nach. Untertitel: „Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja." In Hessen geboren, wächst Timmerberg in Bad Oeynhausen auf, wo er so gerade die Mittlere Reife schafft. Mit 17 trampt er erstmals nach Indien. In einem Ashram flüstert ihm eine „körperlose Stimme" ein: „Geh nach Hause und werde Journalist." Ein Journalist schließt niemals die Augen Weil sein Vater ein „Saufkumpel" des Chefredakteurs der Neuen Westfälischen ist, wie Timmerberg enthüllt, beginnt der Junghippie dort 1972 ein Volontariat. Für seine erste Bildunterzeile braucht er vier Stunden. Dann erwischt ihn der Lokalchef, wie er am Bielefelder Leineweber-Brunnen mit geschlossenen Augen Gitarre spielt und singt („Ein Journalist schließt niemals die Augen"). Timmerberg wird nach Minden versetzt. „Mit Busen, Beinen und Bananen" lautet seine erste eigene Überschrift. Am Ende des zweijährigen Volontariats rät ihm der Chefredakteur, etwas anderes zu tun. „Irgendeinen Beruf, der nichts mit Schreiben zu tun hat." Timmerberg nimmt es sich zu Herzen und eröffnet 1974 in der „Hippiehochburg von Ostwestfalen" das erste vegetarische Restaurant Bielefelds, das „Mandala". Das Unternehmen scheitert, aber in Timmerbergs Schilderung ist der Kampf um Parkplätze, Schmutzwasserverbindungsleitungen und den nervigen, grünen Vogel des Kochs so skurril wie komisch. Nach einer Stippvisite bei der Braunschweiger Zeitung landet er beim Stern, wo die Redakteure Timmerberg ständig die Witze aus seinen Reportagen streichen. Doch gezahlt wird gut, und „wer einen Heli brauchte, kriegte einen Heli", erinnert sich der Globetrotter. Die Wirkung von Hunter S. Thompson Er entdeckt ein Buch, das sein Leben und Schreiben verändert: „Angst und Schrecken in Las Vegas" von Hunter S. Thompson, Erfinder des Fakten und Fiktion verschmelzenden Gonzo-Journalismus. Timmerberg geht auf Reisen. Jede Reportage für Tempo, Wiener oder Playboy finanziert die nächste Tour. Immer im Gepäck: eine sieben Kilo schwere rote Reiseschreibmaschine der Marke Olivetti, eine Gitarre und ein Rucksack. „Ich war wacher, wenn ich reiste. Und wurde süchtig nach dem Hier und Jetzt." Havanna bewertet Timmerberg als Höhepunkt seiner journalistischen Karriere: Für die Zeitschrift Bunte schreibt er kurze Leute-Meldungen. Einen Tag Arbeit, sechs Tage frei, 5.000 Mark pro Woche. „Zwei volle Jahre unterstützte ich mit den dekadenten Bunte-Honoraren den Kommunismus auf Kuba". Es sind zwei Jahre Party, Drogen, Sex. Fünf Frauen gönnt Timmerberg je ein politisch unkorrektes Kapitel. Und, Achtung Spoiler: „Angelina war mit Abstand die Beste im Bett". Der Autor ist überzeugt: „Sexist ist ein Kompliment." Aber Timmerberg zeichnet sich auch als Romantiker, der keine Zeile mehr schreiben kann, wenn ihn der Liebeskummer aus der Bahn wirft: „Frauen waren deshalb gefährlicher als jede Droge für mich." Dann kommt der Absturz. Die Bunte wirft ihn raus. Timmerberg kehrt nach Hamburg zurück, bekommt den Blues und nimmt Ecstasy. „Mit dem Koks hatte ich eine Persönlichkeitsveränderung vom Hippie zum Arschloch durchgemacht, mit dem Ecstasy eine vom Arschloch zum armen Schwein." Timmerberg liebt sie, diese wie lässig aus der Hüfte geschossen klingenden, „guten Sätze". Sie müssen nicht immer stimmen. Wichtig ist, dass sie gut sind, „selbst wenn sie auf meine Kosten gehen". Gegen die Lüge an sich hat dieser Geschichtenerzähler nichts. „Nur die Lüge gibt der Wahrheit Kraft." Am Ende schließt sich der Kreis. Timmerberg reist erneut nach Indien, wo seine journalistische Karriere begann und seine Post-Havanna-Krise endet. Eine kurzweilige, amüsant zu lesende autobiografische Rundreise. Helge Timmerbergs Schicksalstreppe Helge Timmerberg, geboren 1952 im hessischen Dorfitter, ist Journalist und schreibt Reisereportagen aus aller Welt. Derzeit vermarktet er sein neues Buch. Da es auch in Bielefeld spielt, schlendert er mit einem Redakteur von spiegel online durch das Oberzentrum. „Wir sind auf Bielefelder Spurensuche", sagt Timmerberg. Und die führt ihn auch in die Redaktion der Neuen Westfälischen. Hier hat er von 1972 bis 1974 volontiert. „Ich wollte noch einmal meine Schicksalstreppe sehen", sagt er. Und gleich im Foyer findet er sie auch. „Die sieht ja noch aus wie damals", kommentiert er und steigt empor. Im Buch liest sich das so: „Ich werde diese Treppe nie vergessen (...) Ich nahm jede Stufe mit der Gewissheit, das einzig richtige zu tun (...) Man verwies mich zum Chefredakteur. Der saß mit der Aura eine Kettenhundes in einem Glaskasten." Den gibt es nicht mehr, die Redaktion ist umgezogen. Timmerberg freut sich dennoch über das Wiedersehen mit seiner Treppe, die ihn den Weg zum Autorendasein wies.

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