Unter steter Kontrolle: Parsons (Sonja Vollmer) und Syme (Daniela Lingen) arbeiten an „NewSpeak“ . - © Rainer Schmidt
Unter steter Kontrolle: Parsons (Sonja Vollmer) und Syme (Daniela Lingen) arbeiten an „NewSpeak“ . | © Rainer Schmidt

Kultur Gedankenverbrechen im Hörsaal

Gelungene Aufführung: Die English Drama Group spielt „1984“ nach George Orwell, inszeniert von Angie Starczyk, im Hörsaal 7 der Universität

Rainer Schmidt

Bielefeld. Er glaube nicht, dass diese Art von Gesellschaft kommen werde, etwas Ähnliches könne aber passieren, so kommentierte George Orwell seine prophetische Alptraumvision „1984“, welche die English Drama Group der Bielefelder Uni derzeit in der Originalsprache als Theaterstück präsentiert. „Don’t let it happen. It depends on you“ mahnte Orwell noch: „Wir nähern uns einer Gesellschaft an, in der Menschen vor allem wie Marketingobjekte oder potenzielle Terroristen behandelt werden.“ Moment – diese einführenden Gedanken stehen gar nicht im Programmblatt der Aufführung, sondern in der beigelegten Broschüre der „digitalcourage“-Hochschulgruppe, die Bewusstsein für Ausspähgefahr beim alltäglichen Aufenthalt in digitalen Sphären schaffen und ermutigen möchte, Gegenmaßnahmen zu treffen. Orwell setzt in seinem Roman die Bewohner des permanent in Kriege verstrickten „Oceania“ dem „Televisor“-Schirm aus. Unabschaltbar strahlt dieser Propagandasendungen aus, beobachtet und belauscht die Bürger überall und lässt den Machthaber „Big Brother“ auch mit persönlich gerichteten Maßregelungen zu Wort kommen.Überlegungen zur Manipulierbarkeit des Menschen durch Sprache Hoch über den Köpfen der Akteure ist das allgegenwärtige Überwachungsinstrument bei der notgedrungen im beengten Hörsaal stattfindenden Aufführung nicht sehr deutlich ins Spiel integriert. Doch ohnehin ist eine Stärke der Bühnenfassung von Robert Owens, Wilton E. Hall und William A. Miles die Vermittlung der geschichtsphilosophischen Gedanken in Orwells Vision („Wer die Vergangenheit kontrolliert, wird die Zukunft kontrollieren“), sowie seiner Überlegungen zur Manipulierbarkeit des Menschen durch Sprache. Ein im Wortschatz reduziertes „NewSpeak“ soll komplexes Denken gegen „Big Brother“ unmöglich machen. Daran wird auch in Winstons Büro im „Ministry Of Truth“ gearbeitet. Sein Kollege ist vermutlich eines „Gedankenverbrechens“ beschuldigt worden und wurde entfernt. Julia rückt nach, Winston sieht in ihr zunächst eine Agentin der Gedankenpolizei. Doch er wird seinen Irrtum erkennen, sich in sie verlieben und mit ihr zusammen einer Widerstandsgruppe beitreten. Die studentischen Darsteller schaffen es glänzend, die Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens und Konformitätsdruckes spürbar zu machen. Der dritte Akt zeigt die in den Wahn führende Gehirnwäsche Winstons drastisch, eine gelegentlich eingespielte Tonspur illustriert die beklemmende Situation noch. Bemerkenswert ist, dass die Drama Group aus so vielen Enthusiasten besteht, dass die Rollen über die Aufführungen rotierend besetzt wurden. Auch mit einer Vielzahl an musikalischen Einlagen wartet das Kollektiv auf. „1984“ ist noch bis Freitag jeweils um 20 Uhr im Hörsaal 7 zu sehen.

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