Fernsehabteilung im Elektrohandel: In ihrer Rolle als „Bibi" bewundert sich die Künstlerin selbst auf den Bildschirmen. - © Britta Thie
Fernsehabteilung im Elektrohandel: In ihrer Rolle als „Bibi" bewundert sich die Künstlerin selbst auf den Bildschirmen. | © Britta Thie

Kultur Was macht eine Digitalkünstlerin? Das Interview mit Britta Thie aus Minden

Mit Videoausschnitten aus ihrer Heimat erinnert die Künstlerin in ihrer Digitalkunst an ihre analoge Kindheit

Melanie Wigger

Minden. Die Berlinerin Digitalkünstlerin Britta Thie erinnert mit Videoausschnitten aus ihrer Heimat Minden an ihre analoge Kindheit. Warum für sie die Videoplattform Youtube wichtig ist und wie sie mit dieser Gratiskunst ihren Kühlschrank füllt, erklärt die 28-Jährige im Gespräch mit Melanie Wigger. Frau Thie, Videoschnipsel und Andenken aus Ihrer Kindheit fließen häufig in Ihre Arbeit mit ein. Zeigt sich da eine Art Heimatliebe zu Minden? Thie: Es ist zum einen ein nostalgischer Blick auf meine analoge Vergangenheit im Kleinstadtleben. Zum anderen ist es ein, wie ich finde, sehr liebevoller Blick auf meine Heimat. Diese war immer ein bodenständiges Element in meinem Leben. Meine ostwestfälische Direktheit hat mich am Boden gehalten, vor allem während des Studiums in New York, im Kontakt mit dem nordamerikanischen Bildungssystem. Und als ich erlebt habe, wie elitär dessen Strukturen sind: Nur reiche Schichten können sich eine gute Ausbildung leisten. Gerade die Szenen, die in Minden gedreht wurden, strahlen etwas Authentisches aus. Ist das eine autobiografische Arbeit? Thie: Wir haben die Szenen gar nicht großartig geprobt. Ich bin mit einem Kameramann, meiner Co-Regisseurin und meiner Produzentin nach Hause gefahren und habe meine Familie ein paar Tage vorher gefragt, ob sie Lust hätten, mitzuspielen. Überrascht hat mich vor allem meine Oma – sie hat sehr gut mitgespielt. Trotzdem ist das Ganze eine Fiktionalisierung. Der Hauptcharakter, den ich spiele, das bin zwar in Anteilen ich, aber die anderen Anteile haben etwas Karikatives. Ich möchte eine Welt kreieren, in der man sich ein bisschen wegträumen kann – wie ein futuristisches Märchen. In den Medien werden Sie als Medien-, Digitalkünstlerin oder auch als eine „mobile Künstlerin für die digitale Generation" bezeichnet. Wie definieren Sie sich selbst? Thie: Ich nenne mich „Künstlerin" – ohne irgendeine Spezialisierung, denn ich arbeite in sehr unterschiedlichen Medien. Weil ich oft filmisch arbeite und Filme in Webinhalte einfüge, entsteht vielleicht schnell der Eindruck, dass ich nur digital arbeite. Sie haben mit den Konventionen des Kunstbetriebs gebrochen, indem Sie Ihre Videokunst als Webserie online veröffentlichten, anstatt klassische Ausstellungsräume zu gestalten. Thie: Ich finde es problematisch, dass sich zeitgenössische Kunst oft einem größeren Publikum verschließt und stattdessen innerhalb von Bildungseliten zirkuliert. Das ist deprimierend – denn wem nutzt die Kunst, wenn sie vielleicht nur einen Prozent der Bevölkerung erreicht? Deshalb ist Youtube für mich wichtig. Gratiskunst für alle – wie können Sie damit Ihren Kühlschrank füllen? Thie: Viele Künstler leben davon, schnelle Kunst passend für den Kunstmarkt anzubieten. Aber darunter leidet die Kunst. Ich habe immer versucht, mich durch Fördergelder oder Stipendien zu finanzieren. Mit Anfang 20 habe ich zudem vom Modeln gelebt und damit meine künstlerische Praxis finanziert. Jetzt gerade rutsche ich zusätzlich ins Schauspielgeschäft. Ich möchte damit flexibel genug bleiben, um mich nicht nach dem Kunstmarkt richten zu müssen. Und das ist nicht so idealistisch, wie es klingt. Wenn Sie digital so erfolgreich sind, warum stellen Sie jetzt trotzdem im realen Raum aus? Thie: Ich habe während meiner gesamten Laufbahn physische Arbeiten gemacht. Ich nutze dabei viele unterschiedliche Medien. Für die aktuelle Ausstellung habe ich zum Beispiel Bilder aus der Webserie auf Plexiglas übertragen. Dahinter verbirgt sich ein Soundresonator, der das Glas zum Resonieren bringt. Er überträgt Aufnahmen von Texten, die ich geschrieben habe. Es ist eine buchstäbliche Übersetzung von Stimmungsbildern. Wie passt der Ausstellungstitel „dove step" dazu? Thie: Zum einen spielt der Name ein bisschen auf die Seifenmarke „Dove" an, denn die Ausschnitte aus meiner Webserie tragen auch Elemente einer Daily Soap in sich. Es geht um die „Versoapung" des Selbst. Zum anderen ist es eine Anspielung an die Musikrichtung „Dubstep” mit ihren harten und aggressiven Klängen. Die Musik, die ich verwende, ist aber eher sanft: eine feminine Antwort auf den Dubstep. Sind Sie Feministin? Thie: Sobald man eine Frau ist und Kunst macht, findet man seine Arbeit oft im Diskurs von „Frauenkunst" wieder. Ein wenig nervt das. Aber der Feminismus und seine unterschiedlichen Ausrichtungen beschäftigen mich sehr. Dahinter stehen wichtige Themen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Ich schreibe in diesem Jahr ein Drama, in dem ich mich mit Genderthematiken beschäftigen werde. Und welche Projekte sind außerdem geplant? Thie: Ich wurde gefragt, ob ich ein Theaterstück an den renommierten Theaterhaus inszenieren möchte. Und ich treffe mich in Kürze mit einigen Filmproduzenten. Die sind sehr interessiert an der Idee von „Translantics". Deshalb entwickle ich ein Skript für ein Serienformat. Parallel schreibe ich fürs Theater. Ein Verlagshaus hat daran Interesse bekundet. Ausstellen werde ich ab Mai in Hannover in der Gruppenausstellung „Stellung nehmen" der Kestnergesellschaft. Da werden auch die Aufnahmen aus Minden zu sehen sein.

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