Streit ums Urheberrecht: Die deutsche Buchlandschaft könnte sich ändern. - © dpa
Streit ums Urheberrecht: Die deutsche Buchlandschaft könnte sich ändern. | © dpa

Bielefeld Streit ums Urheberrecht spaltet Buchszene

Justizminister Heiko Maas hat eine Reform des Urheberrechts angestoßen. Es soll Autoren stärken – birgt aber auch Gefahren für die deutsche Buchlandschaft

Katharina Georgi

Bielefeld. Die letzte Urheberrechtsnovelle ist grob und fahrlässig, sagen die einen. Es wird Zeit, dass die Rechte der Autoren gestärkt werden, sagen die anderen. Und so teilt ein Streit die deutsche Buchlandschaft. Zentraler Streitpunkt ist vor allem der Paragraf 40a, in dem steht, dass der Urheber ein „ausschließliches Nutzungsrecht nach Ablauf von fünf Jahren zurückrufen" kann. Soll heißen: Nach fünf Jahren kann der Autor sein Buch an einen anderen Verlag verkaufen – wenn ihm ein entsprechendes Angebot vorliegt. „Das macht uns Verlage kaputt", sagt Günther Butkus vom Bielefelder Pendragon Verlag. Denn, so erklärt er, in einem Buch steckt so viel mehr drin, als das, was allein der Autor leistet: „Wir bauen Autoren oft über Jahre auf und machen ein Verlustgeschäft, bevor ein Buch erfolgreich wird. Manchmal ist es schon das dritte, manchmal erst das fünfte Buch, das Gewinn bringt". Dafür sei das Lektorat besonders wichtig. 1.000 Arbeitsstunden stecken locker in einem Buch, sagt Butkus. Ein halbes Jahr kann es dauern, bis Autor und Verlag die Endfassung eines Buches fertigstellen und es endlich an den Markt gehen kann. „Diese Leistung wird nicht mehr als wichtig angesehen", sagt er. Damit reiht sich Butkus in die Riege der großen Verlage ein. So wurde ein offener Brief an die Bundesregierung aufgesetzt, unterzeichnet von bekannten deutschen Verlegern wie Elisabeth Ruge (Ruge Agentur), Jonathan Landgrebe (Suhrkamp) und Jonathan Beck (C. H. Beck) – mit denselben Argumenten. So ganz stimmen die aber nicht, widerspricht Autorin Nina George. Die 42-Jährige ist Präsidiumsmitglied der deutschen Schriftstellervereinigung PEN und hat sich auf Urheberrecht spezialisiert. „Es gibt drei Realitäten", sagt sie und erklärt: Die goldene Realität sei für 30 Prozent der Autoren die Wahrheit. Das heißt: „Ich bin bei einem Verlag, der mich bezahlt, zu dem ich Vertrauen habe, der mich seit Jahren begleitet und wo ich mich verstanden, aufgehoben und gut fühle." In der normalen Realität, die für etwa 40 Prozent der Autoren gilt, sei das Verhältnis zwischen Autor und Verlag eine Zweckgemeinschaft. Aber 30 Prozent aller Autoren seien „todunglücklich mit ihrem Verlag". Dort gehe das Buch unter, weil niemand Zeit hat, sich darum zu kümmern. Es gebe kein Marketing und der Autor werde manchmal wochenlang nicht zurückgerufen – „dann wechselt der Autor lieber". Auseinanderdividieren lassen sich Autoren und Verleger aber nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: Auch viele Autoren sehen die Gesetzesnovelle kritisch. So auch der gebürtige Güterloher Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag): „Mich stört das Menschenbild, das über das Gesetz transportiert wird." Nach der Reform seien Autoren dumme Mäuse und Verlage böse Drachen. „Das kränkt mich", sagt der Autor und Verleger. Das Gesetz habe schon fast etwas Übergriffiges – von Vertragsfreiheit könne hier keine Rede mehr sein. Das geltende Urheberrecht sei über Jahrzehnte gerichtsfest gemacht worden: „Ich muss mich als Autor wehren können, aber das ist jetzt schon möglich." Die Reform sorge dafür, dass viele arbeitslose Justiziare künftig wieder gutes Geld verdienen: „Das wird knallen", so seine Prognose. Auch, weil viele Fragen, wie die der Bücher mit mehreren Urhebern, nicht geklärt werden. Verleger Butkus sieht ferner die Möglichkeit eines weiteren dystopischen Szenarios, das „große Ablösesummen" ermöglicht, ähnlich wie im Fußball: Große Autoren, nicht umsonst als Bestseller betitelt, könnten künftig abgeworben werden. Und nicht jeder sieht seinen solidarisch-sozialen Auftrag, wie Nina George: „Verlage braucht eine Cashcow", sagt sie. Die finanziere dann rund zehn weitere Autoren mit. Von guten Angeboten habe sie selbst zwar mehr Geld, „meine anderen Kollegen haben davon gar nichts." Verliert ein Verlag seine Geldkuh, wird er kleiner, sich weniger trauen, kaum neue Buchkonzepte ins Sortiment aufnehmen – ein Argument, das Autoren und Verleger zueinander bringt. „Wenn man zynisch ist, könnte man sagen: Super, nur noch dieselben Geschichten", sagt George. Dass das Thema überhaupt in Angriff genommen wird, rechnet die Autorin Heiko Maas hoch an: „Als erster Justizminister seit 15 Jahren hat er sich an das Thema gewagt. Dass er sich jetzt Dresche holt, ist logisch." Andererseits müssten Verlage lernen, nicht nur Bücher, sondern auch Autoren zu lieben. Letztlich wird es, so die Einschätzung der Expertin, einen Kompromiss geben. Die fünf Jahre könnten auf zehn verlängert werden, der obligatorische Mitbewerber wird entschärft, Zwischenstufen eingebaut – „abwarten", sagt sie. Die derzeitige Debatte zum Referentenentwurf sei „normales politisches Geschnatter."

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