Ihre Überzeugung bleibt: Zu Beginn der Ausstellung werden Ausschnitte aus einem Film über Anja Niedringhaus gezeigt, der für die ZDF-Sendung Aspekte gedreht wurde. - © David Schellenberg
Ihre Überzeugung bleibt: Zu Beginn der Ausstellung werden Ausschnitte aus einem Film über Anja Niedringhaus gezeigt, der für die ZDF-Sendung Aspekte gedreht wurde. | © David Schellenberg

Höxter Berlin zeigt Ausstellung mit Fotos von Anja Niedringhaus

130 zum Teil unbekannte Fotos der Pulitzerpreisträgerin aus Höxter im Willy-Brandt-Haus

David Schellenberg

Berlin/Höxter. Verwackelte Videobilder aus einem US-Militärhubschrauber in Afghanistan. Ein blutüberströmter Soldat mit einem Metallsplitter im Hinterkopf wird hereingeschoben. Überlebenschance gleich null. Die Bilder, gedreht von der in Höxter geborenen Fotografin Anja Niedringhaus sind die ersten, die den Besuchern bei der Eröffnung ihrer Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus gezeigt werden. Betroffenheit und Entsetzen sind in den Gesichtern der Eröffnungsgäste zu sehen, denn die verstörenden Aufnahmen passen so gar nicht zum Titel der Fotoschau mit 130 zum Teil unbekannten Bildern: „Geliebtes Afghanistan.“ Doch genau das ist es, was die Pulitzerpreisträgerin und AP-Fotografin, die ihren journalistischen Weg bei der Neuen Westfälischen in Höxter begann, mit ihren Fotos aus dem schwer geschundenen Land zeigen wollte. Sie liebe Afghanistan und die Menschen – trotz der tiefen Wunden. „Sie war keine Kriegsfotografin im üblichen Sinne, sondern hat immer auch den Alltag der Menschen dokumentiert“, sagt Gisela Kayser, künstlerische Leiterin des Freundeskreises Willy-Brandt-Haus, die mit Katharina Mouratidi die Ausstellung kuratierte.Sinnlosigkeit des Krieges sichtbar gemacht So zeigen viele Fotos das Leben abseits von Soldaten und Waffen. Kinder, die fröhlich lachend zwischen Trümmern spielen, Frauen, die den Alltag unter schwierigen Bedingungen zu organisieren versuchen. „Hinreißend und berührend sind die Fotografien von eifrig lernenden Schülerinnen in den Mädchenschulen. Die Intensität der Farben und die Stille des Momentes lassen erahnen, wie wichtig und kostbar das Gut Bildung für die Frauen und Mädchen im Lande ist“, beschreibt Kayser. Die Bilder von Anja Niedringhaus gehen durch ihre Intensität nicht aus dem Kopf. Die sichtbare Sinnlosigkeit von Kriegen zerreißt den Betrachter. Das hatte Anja Niedringhaus durchaus gewollt. Bei ihren ersten Einsätzen als Fotografin in Bosnien, hoffte sie, mit ihren Bildern die Waffen zum Schweigen bringen zu können. Das hat sie nicht geschafft. Doch bis zum letzten Tag setzte sie sich unermüdlich für die Menschen hinter den Kriegen ein. „Vielen Menschen gab sie mit ihren Fotos die Hoffnung, von der Weltöffentlichkeit nicht vergessen zu werden“, sagt Kayser. Ihr letztes Foto vom 3. April 2014, zeigt ein Mädchen, das ihrem Bruder von einer Sicherheitsbarriere herunterhilft."Habe nie ans Aufhören gedacht" Die Geschichte des schwer verwundeten Corporals Brett Burress aus dem Rettungshubschrauber hat Anja Niedringhaus immer wieder erzählt. Drei Monate nach dem Einsatz, bei dem seine Patrouille auf eine Sprengfalle geraten war, erwacht er aus dem Koma. Sie besucht ihn und schenkt ihm die Getreideähre, die im Rettungshubschrauber auf seiner Bahre liegt und die das besondere Moment auf einem ihrer berühmten Fotos ist. Der 21-jährige Corporal hat überlebt. Anja Niedringhaus wurde am 4. April 2014 in Afghanistan von einem Polizisten erschossen. Sie war schon zuvor mehrfach verwundet worden und wusste, wie gefährlich ihre Arbeit ist. „Ich habe nie ans Aufhören gedacht“, bekannte sie im letzten Interview mit dieser Zeitung. Die 130 Fotos in Berlin tragen ihre Friedensbotschaft auch nach ihrem Tod weiter.

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