Lutz Hachmeister - © Jim Rakete
Lutz Hachmeister | © Jim Rakete

Berlin Interview mit Lutz Hachmeister über seinen Film „Hannover-Komplex“

Politisches Sittengemälde der niedersächsischen Landeshauptstadt

Lutz Hachmeister hat sich lange mit der politischen Bedeutung Hannovers beschäftigt. Sein neuer Film "Hannover Komplex" wirft ein Schlaglicht auf die Schmiede großer Politiker, eine spektakulär unspektakuläre Stadt und ihre vielen bekannten Kinder. Das Interview: Herr Hachmeister, im Wahlkampf für Gerhard Schröder ließ Carsten Maschmeyer mit dem Satz werben „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“. Sie spekulieren im Film, bald könnte es gar keine andere Wahl geben. Die theoretischen Kandidaten Sigmar Gabriel (SPD) und Ursula von der Leyen (CDU) sind beide Niedersachsen. Ist das realistisch? Lutz Hachmeister: Inzwischen bin ich da vorsichtig. Der Vizekanzler will im Grunde nicht, die Verteidigungsministerin darf nicht. Man hört aber, dass bald der nächste Bundespräsident folgen könnte, der seine Karriere in Niedersachsen begann: Frank-Walter Steinmeier. Was trieb Sie an, ein Jahr lang in und über Hannover zu recherchieren? Hachmeister: Erst wollte ich einen Film über Christian Wulff als Politikertypus machen. Das Projekt hat dann die üblichen Ehrenrunden in der ARD absolviert. Daraus wurde ein Sittengemälde der Stadt Hannover. Was faszinierte Sie daran? Hachmeister: Die Übersichtlichkeit. Hannover ist spektakulär unspektakulär: 500.000 Einwohner und nur ein einziges politisches Netzwerk. Entweder du bist drinnen oder draußen. Wie kommt man rein? Hachmeister: Es gibt nur einen Königsweg: den über Hannover 96. Gesellschaftlich spielt in wohl keiner anderen Stadt ein Fußballverein eine derart entscheidende Rolle. Ich denke, das liegt an der Sehnsucht dieses künstlich nach dem Krieg entstandenen Bundeslandes nach einer Identität. Niedersachsen war zunächst agrarisch geprägt und rechts. Man traf sich bei Schützenfesten. Daraus entstand ein einzigartiger Männerbund. Das mutet provinziell an, gleichzeitig bezeichnen Sie Hannover als Machtzentrum. Hachmeister: Beides stimmt. Hannover steht paradigmatisch für Deutschland. Es liegt sprachlich, politisch und mental genau im Zentrum. Geographisch sowieso. Und wie im gesamten Land bevorzugt man kleine Strukturen und ist nicht ins Intellektuelle verliebt. Hannover gilt als Stadt des Mittelmaßes. Ist auch das typisch deutsch? Hachmeister: Das mittlere Maß zu finden, ist ja nicht das Schlechteste. Die föderale Kleinstaaterei mit Bonn als Hauptstadt war ja ökonomisch erfolgreich und ganz friedlich, von der RAF mal abgesehen. Aber auch Berlin hat im Vergleich zu New York oder Paris keine relevante intellektuelle Kultur. Stattdessen ist da viel heiße Luft und Erregungspotenzial. So etwas mag man in Hannover nicht. Warum drängt es so viele Landespolitiker aus Hannover auf die Bundesbühne? Liegt das am Aufstiegswillen, der dem Provinzler nachgesagt wird? Hachmeister: Sicherlich. Aber auch daran, dass die niedersächsische Politik immer von besonders harten und damit spannenden Kämpfen geprägt war. Wahlen gingen häufig denkbar knapp aus. Im Fall der Wahl von Ursula von der Leyens Vater Ernst Albrecht zum niedersächsischen Ministerpräsidenten war gar von Stimmenkauf die Rede. Mit Albrecht begann der Aufstieg Hannovers zum personellen Machtzentrum der Republik. Er war der erste Vertreter eines charismatischen, industrienahen, zugleich merkwürdig religiös geprägten Politikertypus. Er nutzte die Medien, inszenierte sich in Homestorys... Hachmeister: ... und mit singender Kinderschar um sich herum. Später wurde er als Bundeskanzler und sogar als Bundespräsident gehandelt. Womit wir wieder bei der Tochter sind, die Letzteres zu werden vergeblich hoffte. Zu scheitern und belächelt zu werden scheint dazuzugehören. Hachmeister: Wer aus Hannover kommt, kennt sich aus mit Hinfallen und Wiederaufstehen. In diesem Klima entstehen Kämpfertypen. Was ist mit der viel beschworenen Hannover-Connection? HACHMEISTER: Die gibt es nicht mehr. Im Grund ist sie genau in dem Moment verschwunden, in dem sich die journalistischen Spotlights darauf richteten. Früher konnte man sicher gehen, unter sich zu sein. Ihr Film ist also so etwas wie ein Nachruf auf das Sittengemälde, das sie beschreiben? Hachmeister: Ja. David McAllister tat alles, um sich so schnell wie möglich von seinem Mentor Wulff abzusetzen. Die Erbfreundschaften verschwinden. Aber wer weiß, eine nächste Generation könnte sich in Stellung bringen. Das hängt davon ab, was nach Merkel kommt.

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