Kokette Schöne mit Trotzphase: Cornelie Isenbürger als Pamina mit den verkleideten drei Knaben in der Bielefelder Inszenierung. - © Bettina Stöß
Kokette Schöne mit Trotzphase: Cornelie Isenbürger als Pamina mit den verkleideten drei Knaben in der Bielefelder Inszenierung. | © Bettina Stöß

Kultur Bei der Opernpremiere der Zauberflöte ziehen die Damen die Fäden

In Andrea Schwalbachs Bielefelder Inszenierung wird Mozarts Oper mit einem Schuss Aufklärung dargeboten

Johannes Vetter

Bielefeld. Textdichter Schikaneder und Komponist Mozart nehmen in der "Zauberflöte" die Gratwanderung zwischen französischer Revolution und Wiener Reaktion auf die Schippe - und Regisseurin Andrea Schwalbach nimmt Schikaneder und Mozart auf die Schippe. Das muss das kreative Duo wohl oder übel aushalten, und es ging weiß Gott nicht übel aus. Dem hochgestimmten Publikum (ein paar obligatorische Buhrufe für die Regie) wurde bei der Premiere im Bielefelder Stadttheater ein unterhaltsamer Opernabend mit einer Prise Aufklärung beschert. Der Vorhang öffnet sich, als die Ouvertüre Kurs auf das Allegro nimmt. Einmal mehr erweisen sich die Bielefelder Philharmoniker als erfahrene und hochpräsente Sachwalter ihres reichen Opernrepertoires. Der neue 1. Kapellmeister Pawel Poplawski kann mit sich und der Welt und dem Orchester hochzufrieden sein.Intrigen geben der Handlung Ihren Reiz Währenddessen stricken drei Damen wie wild im Rhythmus Mozart'scher Rasanz. Und was stricken sie? Natürlich Intrigen. Melanie Kreuter, Nohad Becker und Katja Starke spielen das Damentrio, das wie die Hexen in Shakespeares Macbeth ständig seinen "Senf" dazugeben muss. Gekleidet sind sie allerdings wie der deutsche Spießbürger par excellence (Bühnenbild und Kostüme: Anne Neuser) - komödiantischer Hochgenuss, stimmliche Glanzleistung. Die Regie stellt die übliche Hierarchie auf den Kopf. In der Deutungstradition figuriert die Königin der Nacht als Chefin der drei Damen, hier aber ist die "Chefin" ohne ihre drei Damen ohne Kraft. Sie ist buchstäblich die Marionette der drei. Tuuli Takala, die einzige Gastkünstlerin des Abends, was für die Qualität des Bielefelder Ensembles spricht, erweist sich als grandiose Sopranistin: bezwingende Bühnenpräsenz, Anmut in den tragischsten Posen, die Stimme glasklar und zugleich warm und geerdet, makellos und bestechend in den höchsten Höhen der Rachearie. Seit der Uraufführung grübeln die Gelehrten über einen Bruch in Schikaneders Libretto. Zuerst käme die Königin der Nacht, der der unsympathische Sarastro die Tochter geraubt hat, sympathisch daher. Dann entpuppe sich die leidende Mutter als unsympathische Rachegöttin, die dem sympathischen Sarastro, diesem Ausbund an Weisheit, ans Leben will. Andrea Schwalbachs Inszenierung reiht sich in die Versuche ein, diesen Bruch zu entschärfen, indem sie mit dem elenden Scheitern der Königin Empathie für die "Schurkin" weckt und im Gegenzug Sarastro Züge eines zynischen Tyrannen verleiht. Moon Soo Park gibt den nervenden Neunmalklugen mit Bravour und gepfefferter Schwärze als kaltherzigen Strippenzieher.Die Liebe sorgt für den Sieg Tamino gerät schnell zwischen alle Stühle. Er gewinnt schließlich. Und warum? Weil er liebt. Hier also ist die Opernwelt noch in Ordnung. Daniel Pataky bietet eine glänzende Tenorpartie, sensibel, zarter Schmelz, selten auftrumpfend. Cornelie Isenbürger porträtiert Pamina als kokette Schöne mit Trotzphase, stimmlich exquisit mit einer Spur Tragik. Das Gegentriumvirat zu den drei hexenhaften Damen bilden die drei Knaben, meist, aber nicht immer, an Sarastros Fäden geführt, die für den zaudernd liebenden Tamino das sichere Hinterland abgeben. Justin Sautner, Jakob Fullik und Goldmund Elias Bothmann vom Knabenchor Gütersloh bestechen durch herzergreifend saubere Intonation und Witz. Der Opernchor nimmt mit schlanker Klangführung und mitreißendem Sprachgestus für sich ein, unverzichtbar für den Drive der Mozart'schen Dramaturgie. Der einzige normale Mensch auf der Zauberflötenbühne ist Papageno - undiszipliniert, ohne großen Ehrgeiz, nachdenklich, oft versagend, mit einem Wort: liebenswürdig. Er kam diesmal nicht als gemütlicher Trottel daher, sondern als attraktiver Jüngling. Caio Monteiro gestaltet ihn mit Witz und ohne Klamauk. Eine nicht immer schlüssige Inszenierung - auch Schikaneders Drehbuch ist nicht immer schlüssig(!) - mit luziden Denkanstößen und einem Schuss Aufklärung. Muss letzteres immer sein? Natürlich nicht, aber man nähme dem Gespann Schikaneder/Mozart eine wesentliche Dimension, wenn man es nicht täte.

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