"Gar nicht so untragbar": Menja Stevenson schneidert die Buspolsterkleider für ihre Kunstperformances selbst - hier ist sie in Bielefeld auf Tour. - © Christian Weische
"Gar nicht so untragbar": Menja Stevenson schneidert die Buspolsterkleider für ihre Kunstperformances selbst - hier ist sie in Bielefeld auf Tour. | © Christian Weische

Bielefeld Eine Frau fährt Bus - gekleidet wie ein Bussitzpolster

OWL-Kunstprojekt "Hin & weg": Menja Stevenson sorgt bei Mitfahrenden für Irritation

Anke Groenewold

Bielefeld. Eine Frau steigt am Bielefelder Hauptbahnhof in einen Bus Richtung Werther. Sie setzt sich und schaut aus dem Fenster. Der Blick einer Mitfahrerin streift sie flüchtig, wie man das eben so macht in Bussen und Bahnen. Dann bleiben ihre Augen am Kleid der Frau haften. Das ist doch nicht etwa . . .? Doch, das Kleid, sogar ihre Tasche, sind aus dem gleichen Stoff wie die blau gewürfelten Sitzpolster des Busses. Wenn Menja Stevenson still dasitzt, wird sie eins mit ihrer Umgebung. Sie schaut aus dem Fenster, kramt in ihrer Tasche und meidet den Blickkontakt. Sie verhält sich wie ein ganz normaler Fahrgast. Auch der will, wenn er mit Unbekannten den knappen Raum teilen muss, in der Regel unbehelligt und unsichtbar sein. Ungewöhnlich ist nur, dass sie hin und wieder den Platz wechselt oder im Gang stehen bleibt, um die Blicke auf sich ziehen. Warum? Die Stuttgarter Künstlerin will mit ihrer humorvollen Aktion beim Betrachter Irritation auslösen und die Wahrnehmung verschieben. Und das ganz bewusst in einer Umgebung, die nicht gleich "Achtung, Kunst" ruft, sondern als Überraschung, Sandkörnchen und Augenöffner im Getriebe des Alltags.Inspiration meist im Alltag gefunden Damit passt ihre Performance perfekt in das vom Land NRW geförderte, ostwestfälisch-lippische Projekt "Hin & weg". "Viele Künstler stellen nicht mehr ausschließlich in Museen und Galerien aus, sondern haben sich selbst mobile Einheiten geschaffen, die es ermöglichen, ihre Kunst zu zeigen", sagt Initiatorin Sigrun Brunsiek. Menja Stevenson, die sich auf Videoarbeiten, Fotografie und Installation konzentriert, findet ihre Inspiration meist im Alltag. "Ich beobachte das Unspektakuläre, das auf den zweiten Blick nicht mehr das Normale widerspiegelt sondern die Poesie, die Komik, die Skurrilität oder das Abgründige dahinter." Ihre Busaktion regt an, sich mit dem Alltäglichen zu befassen und es vielleicht zum ersten Mal wirklich zu sehen. "Solch ein Stoffmuster prägt sich, wie so vieles Alltägliches, in unser Bildgedächtnis ein, ohne tatsächlich wahrgenommen zu werden", sagt sie. Zur Mode aufgewertet, rückt der "unsichtbare" Stoff ins Bewusstsein des Betrachters."Wer hat sich dieses Muster ausgedacht?" Auf die Idee kam sie während ihres Studiums. Tag für Tag fuhr sie im Bus zur Akademie und fragte sich: "Wer hat sich dieses Muster ausgedacht, und warum muss ich mir das immer angucken? Ich wollte den Spieß mal umdrehen", sagt sie scherzhaft. 2006 wagte sie sich erstmals mit dieser Performance in den öffentlichen Raum. Auch in ihrer Heimatstadt Rottweil und in Münster war sie schon auf Tour. Sie hat schon Polsterstoffe getragen, deren wilde Muster eine Zumutung für die Augen sind. "Anti-ästhetisch" nennt die Künstlerin diese Kreationen, die Verschmutzungen kaschieren sollen und das Graffiti quasi schon vorwegnehmen. Das entspannte Blau im Würfeldesign - es sind in Bielefeld auch andere Muster unterwegs - findet sie "ganz ansprechend und gar nicht so untragbar". Optisch gesehen. Komfortabel ist das robuste, auf der Unterseite kratzige Material bei hochsommerlichen Temperaturen nicht. Stevenson ist froh, nach einer Stunde Fahrt aus dem eigenhändig geschneiderten, langärmeligen Kleid schlüpfen zu können.Menja Stevenson fällt auf Jede Performance wird gefilmt, der Film selbst wiederum zum Kunstwerk. Es ist ihr wichtig, die Aufnahmen nicht heimlich zu machen, auch wenn das für die Mitfahrenden ein deutliches Signal ist, dass sie gerade etwas Ungewöhnliches erleben. "Ich will nicht die Überwachungsperspektive und möchte den Mitfahrenden auch die Chance geben, der Kamera ausweichen zu können", betont sie. Die geplante Irritation funktioniert auf der Bielefeld-Tour. Menja Stevenson fällt auf. Die Reaktionen sind verhalten. Sie erntet Blicke - kurze, längere, verstohlene, interessierte, skeptische, gleichgültige. Einige Fahrgäste lächeln. Zwei Mädchen tuscheln. Stevenson sucht keinen Kontakt zu den Mitfahrenden, aber wenn sie angesprochen wird, reagiert sie. Auf ihrer Bielefeld-Tour passiert das nur ein Mal. Eine Frau will wissen, warum Stevenson gefilmt wird und vermutet: "Vielleicht ist es wegen Ihres Kostüms." "Ja, das nehme ich auch an", sagt Stevenson.Die Künstlerin ahmt Mitreisende nach Auch körpersprachlich reagiert sie auf die Mitfahrenden. "Mich interessieren die unbewussten Ersatzhandlungen, die wir alle machen: mit den Haaren spielen, die Lippen kauen, etwas in der Tasche suchen. Das spiegele ich." So ahmt sie eine Frau nach, die sich auf ein Polster lehnt. Das Überraschungsmoment ist auf der Seite der Fahrgäste, aber mitunter erwischt es auch Menja Stevenson. Einmal stellte sich eine Frau zwischen sie und den Kameramann. "Sie hat gedacht, dass ich von einem Stalker verfolgt werde. Ich habe sie dann aufgeklärt." Ein anderes Mal packte ein Mann seine Mundharmonika aus und spielte. "Das sind schöne Überraschungen", sagt sie. Wer Menja Stevenson erlebt hat, wird künftig mit offeneren Augen Bus fahren. Künstler im mobilen Einsatz Menja Stevenson gehört zu einem Dutzend Künstlerinnen und Künstlern, die an dem Projekt "Hin & weg" in Ostwestfalen-Lippe teilnehmen. Die Idee ist es, Kunst zu zeigen, die nicht an einen Ort gebunden ist, sondern die sich durch die Landschaft bewegt. Frank Bölter zum Beispiel lässt große Papierschiffe zu Wasser, Oliver Breitenstein ist mit einem Bauwagen unterwegs. Nikola Dicke reiste mit ihrem Graffiti-Mobil samt Projektor an und "zeichnete" auf die Fassade des Schwalenberger Künstlerhauses. Auftakt war Anfang Juni am denkmalgeschützten Wasserschloss Reelkirchen (Blomberg), das die Projektinitiatorin Sigrun Brunsiek und ihr Mann Josef Spiegel, Geschäftsführer der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, 2013 gekauft haben. 2014 gründete Brunsiek den "Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung des Wasserschosses Reelkirchen e.V.", der "Hin & weg" veranstaltet. Bis zum Ende des Jahres werden Künstler in lockerer Folge in OWL auftauchen. Wann und wo, wissen nur die Macher. Schließlich sollen die Menschen an ungewohnten Orten von Kunst überrascht werden.

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