Mit Sensoren: Bewegungs-Aufzeichnung im Labor. - © FOTO: M. POß
Mit Sensoren: Bewegungs-Aufzeichnung im Labor. | © FOTO: M. POß

Bielefeld Studie erforscht besten Weg, um eine Tanzfolge zu lernen

Schau-Effekt ist überlegen / Kooperation mit Palucca Hochschule

Heike Krüger

Bielefeld. Wie lässt sich eine Tanzfolge besser erlernen - wenn sie detailliert mündlich beschrieben wird oder wenn die Tänzer eine visuelle Präsentation gezeigt bekommen, die sie reproduzieren und mit eigener Note versehen können? Diese Frage trieb die Bielefelder Wissenschaftlerin Bettina Bläsing um. In Zusammenarbeit mit der Palucca Hochschule für Tanz/Dresden hat die Biologin, die sich seit Jahren interdisziplinär mit dem Thema Tanz und seinen Facetten beschäftigt, eine Studie erarbeitet, die im Oktober 2014 sogar zum "Best Paper" einer Fachtagung in Tübingen gewählt wurde. Wie kommt man von der Erforschung des Laufverhaltens der Stabheuschrecke zur Betrachtung der Sinneswege beim Erlernen einer Tanzfolge? Von Haus aus ist Bettina Bläsing eigentlich promovierte Biologin. Ihr Forschungsgebiet rund um die Stabheuschrecke lieferte fast so etwas wie eine Vorlage für den Sprung hinüber zur Sport- bzw. Kognitionswissenschaft. Und hier zur Erforschung von Bewegungsabfolgen und Lernwegen beim professionellen Tanz. Dass Bläsing viele Jahre selbst getanzt hat - Modern, Jazztanz und auch klassisches Ballett - war nicht gerade hinderlich für die interdisziplinäre Recherche.Fächerübergreifende Bearbeitung "Heute gibt es weltweit ein wachsendes Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung des Tanzes", zeigt sich die 44-Jährige zufrieden mit der aktuellen Entwicklung. So ein Thema könne man eigentlich nur fächerübergreifend bearbeiten - immerhin fließen neben kognitiven, motorischen, linguistischen und biologischen Aspekten auch psychologische in die Art und Weise ein, wie Tanz sich darstellt und wie Tänzer ihre Disziplin ausüben. Deshalb ist Bläsing umso erfreuter gewesen, als die Konferenz der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft im Herbst in Tübingen ihren Tagungsbeitrag mit dem ersten Preis (Bester Artikel) gewürdigt hat: "Es zeigt, dass Interdisziplinarität in der Welt der Wissenschaft weiterhin geschätzt wird." Zu Beginn der Studie mit den Praktikern der Palucca-Hochschule (die Professoren Jenny Coogan und José Biondi sind Co-Autoren) musste allerdings erst einmal eine gemeinsame Sprache gefunden werden.Bewegung muss messbar sein Der Wunsch aller Beteiligten, auf Augenhöhe gemeinsam das Studiendesign zu entwickeln, stieß schon bei der unterschiedlichen Definition dessen, was Lernen eigentlich ist, auf Hindernisse: hier die eher mechanistische Vorstellung der Wissenschaftler, dass Lernen in der Annäherung an eine Idealform zu messen sei. Dort die Annahme, dass es beim Lernen vor allem auf den Prozess der Verinnerlichung und persönlichen Gestaltung der Bewegung ankomme auf Seiten der künstlerisch tätigen Kollegen aus Dresden. "Wir haben geredet und diskutiert, aneinander vorbei geredet und noch mal alles aufgerollt", erinnert sich Bettina Bläsing ein wenig amüsiert an den Auftakt im Herbst 2012. Ein grundsätzliches Problem: Die Bewegungsaspekte mussten für eine empirische Untersuchung messbar sein. Als die Grundlagen schließlich geklärt waren, stand einer Feldstudie mit Tänzerinnen und Tänzern nichts mehr im Wege. Diese, 18 an der Zahl und zwischen 17 und 19 Jahren alt, reisten von Dresden nach Bielefeld.Vortanzen aus der Erinnerung heraus Dort wurden ihnen im Biomechanik-Labor im neuen CITEC-Gebäude der Universität zwei Sequenzen präsentiert: die eine als Video, in dem ein Tänzer die ganze Bewegungsfolge tanzte, die andere als gesprochene Beschreibung der Bewegung, ohne Anschauungsmaterial. Nun mussten die Studienteilnehmer die Sequenz - oder was sie von ihr behalten hatten - vortanzen, das Ganze wurde mit mehreren Kameras aufgezeichnet. Am Ende fragte man per Fragebogen die persönlichen Eindrücke der Teilnehmer ab. Um aber ein wirklich verlässliches Ergebnis zu bekommen, hatten Bettina Bläsing und Eingeweihte die Studienteilnehmer auf eine pfiffige Probe gestellt: Zehn Tage nach ihrem Besuch in Bielefeld wurden sie - wieder zurück in Dresden - mit der für sie überraschenden Bitte konfrontiert nochmals vorzutanzen, was sie jetzt noch von der Präsentation in Bielefeld behalten hatten.Visuelles Lernen klappt besser Es zeigte sich: Das, was an erster Stelle durch Beobachtung oder Video-Demonstration vermittelt worden war, haftete am längsten und vollständigsten im Gedächtnis. Der unangekündigte Test in Dresden zeige deutlich, so Bläsing: "Die Schüler fühlen sich sicherer, wenn sie das Material zuerst visuell gelernt haben." Nun könnte man einwenden, so ein Ergebnis liege doch irgendwie nahe. Dazu die Wissenschaftlerin: "Wir wissen, dass der Mensch ein Augentier, also visuell dominiert ist." In Bezug auf die Tänzer komme hinzu, dass diese sich zwar meist international verständigen könnten, das Wesentliche aber ohne Sprache passiere. "Die Art, wie sie gelernt haben zu lernen, gibt ihnen Sicherheit." In der Praxis werde jedoch selten rein visuell gelernt, so Bläsing, zumeist würden Bewegungsfolgen in Abschnitte zerlegt, wichtige Aspekte durch verbale Erklärungen hervorgehoben: "Wir haben mit der Isolierung zweier Lernwege eine eher künstliche Situation geschaffen. Das war auch für die Tänzer eine Herausforderung", schildert die Tanz-Forscherin. Viele Tänzer gaben später zu Protokoll, im Experiment viel über die eigene Art zu lernen gelernt zu haben. Und ein Resultat ist besonders für Lehrer/Choreografen interessant: "Laut Studie beeinflusste der Lernweg, wie viel von der jeweiligen Sequenz im Gedächtnis der Tänzer hängen bleibt. Auf die künstlerische Qualität hingegen hat er keinen Einfluss. Dazu die Wissenschaftlerin: "Letztlich wird mit dem eigenen Ausführen eine Bewegungsrepräsentation geschaffen, die sensomotorische, visuelle und verbale Eindrücke miteinander verbindet. Auf dieser Ebene findet dann schließlich individuelle Gestaltung statt."

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