Pioniere des Deutsch-Punk: Sänger und Gitarrist Martin Lück (r.), Schlagzeuger Klaus Feldmann (l.), Bassist Berndt Hanhardt. FOTO:PR
Pioniere des Deutsch-Punk: Sänger und Gitarrist Martin Lück (r.), Schlagzeuger Klaus Feldmann (l.), Bassist Berndt Hanhardt. FOTO:PR

Rietberg Zweiter Punk-Frühling für "Brausepöter"

Die Rietberger Band feiert ein spätes Comeback und veröffentlicht ein neues Album

Thomas Klingebiel

Rietberg. Sie gehörten zu den ersten Bands, die Punkrock mit deutschen Texten verbanden. Mit dem Videoclip zu ihrem Klassiker "Bundeswehr" schafften sie es seinerzeit sogar ins ARD-Programm. Doch zu der Zeit, als die "Toten Hosen" gerade mal anfingen, 1982, löste sich "Brausepöter" schon wieder auf. Jahrzehnte später erlebt das Trio aus Rietberg ein unverhofftes Comeback - in Urbesetzung. "Selbstauslöser", die neue CD, hat die alte Energie und verblüfft durch neue stilistische Vielseitigkeit. "Wir sind wieder da", freut sich Frontmann Martin Lück (54). Anstrengende Monate liegen hinter ihm und seinen Bandkollegen Berndt Hanhardt (55, Bass) und Klaus "Kemper" Feldmann (55, Schlagzeug). "Wir haben so viel gespielt in letzter Zeit", sagt Lück, Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band. Überall im Land sind sie aufgetreten. Und überall eilte den Pionieren der Punk- und Neue-Deutsche-Welle-Ära zur eigenen Verwunderung der legendäre Ruf von damals voraus - selbst in Berlin, in Hamburg. In Hamburg hatten sie vor 35 Jahren ihre erste "richtig große Live-Erfahrung", erinnert sich Lück. In der Markthalle beim Festival des legendären "Zick Zack"-Labels, neben Bands wie "Abwärts" und "Einstürzende Neubauten". Bei "Zick Zack" war 1980 die erste Brausepöter-Single "Liebe, Glück, Zufriedenheit" herausgekommen."Die können alles mitsingen" Wenn das Trio heute Konzerte gibt, kommt neben den mitgealterten Fans viel junges Publikum. "Zwischen 20 und 25", schätzt Lück ihr Alter. "Und die können alles mitsingen." Auch Oldies wie "Keiner kann uns ab" oder "Bundeswehr" mit der Klartext-Eröffnung "Scheiße, das ist mein Musterungsschein". Lück wundert sich. "Eigentlich", sagt er, "haben die jungen Leute ja mit Bundeswehr nichts mehr zu tun." "Bundeswehr" mit seinen provokanten Rhythmusfreiheiten leitet 2009 das bis heute anhaltende Brausepöter-Comeback ein. Irgendjemand lädt bei YouTube das in einer alten Schnapsbrennerei gedrehte Schwarzweiß-Video zu diesem Titel hoch. 1981 wurde es als Teil des Films "Tempo 82" im Ersten ausgestrahlt. Im Hintergrund der düsteren Video-Kulisse tanzt jemand mit Atemschutzmaske. Die Resonanz ist enorm. Inzwischen hat die Klickzahl längst die 50.000-Marke überschritten. Der Link zum Video macht in den einschlägigen Blogs Karriere. Seit 2011 gibt es bei Youtube eine "Remastered Version" des "Bundeswehr"-Clips mit neuer Tonspur. Auch dieses Video weist schon wieder über 15.000 Klicks auf. Ständig werden weitere alte Filmschnipsel und Fotos hochgeladen.Zunächst nur mediale Wiederauferstehung Auch die Punkszene in den USA registriert aufmerksam die zunächst nur mediale Wiederauferstehung von Brausepöter. Das New Yorker Label "Wild Isle" bringt "Bundeswehr" 2011 als Vinyl-Single heraus. Die Bielefelder Plattenfirma "Überfall Records", bei der auch das neue Album "Selbstauslöser" erscheint, macht 2011 mit dem Sampler "Brausepöter komplett 1979-91" nahezu den gesamten Backkatalog der Band auf CD zugänglich. Single und CD werden auf amerikanischen Underground-Radiostationen viel gespielt. "2012 standen wir vier Mal in den Charts von ,Maximum Rock?n?Roll?, einem auflagenstarken Punk-Fanzine aus San Francisco", berichtet Lück stolz. Steht womöglich eine US-Tour bevor? "Ausgeschlossen ist das nicht", so der Musiker. Eine Anfrage habe es bereits gegeben. In Rietberg ist Brausepöter längst anerkannter Bestandteil des städtischen Kulturlebens. 2008 spielte die Band zur Eröffnung des neuen "Cultura"-Rundtheaters. So ungetrübt war das Verhältnis in den 70er Jahren noch nicht.Unverzichtbare Größe beim Karnevalstreiben Das Frühwerk "Keiner kann uns ab", auf der neuen Platte sozusagen als Bonus-Titel in aufgefrischter Fassung zu hören, spiegelt das jugendliche Rietberg-Lebensgefühl der Band. Doch seitdem ist viel Wasser die Ems hinuntergeflossen. Inzwischen ist Brausepöter sogar beim jährlichen Rietberger Karnevalstreiben eine unverzichtbare Größe. So sehr die drei das wiedererwachte Interesse an ihrer Musik und den Erfolg genießen, Gefahr, dass sie abheben, besteht kaum. Sie gehen weiterhin ihren bürgerlichen Berufen nach. Viel mehr als 15 Konzerte pro Jahr, sagt Lück, sollen es künftig nicht mehr sein. "Sonst wird es uns zu stressig." Die neue Platte "Selbstauslöser" Das gerade in den Handel gekommene "Brausepöter"-Album "Selbstauslöser" knüpft an die alten Zeiten an: druckvoll, roh, direkt. Mehr als die Hälfte der zwölf Titel basiert auf Live-Tracks, die bei Konzerten aufgenommen wurden. "Da klingen wir einfach am besten", sagt Frontmann Martin Lück. Das Album überrascht aber auch mit unerwarteten Tönen: Rockriffs, die an die Rolling Stones gemahnen ("Marcie, Marcie"), melancholische Passagen mit farbigeren Akkorden. Sogar eingängige Popsongs wie "Einmal um die Welt" sind vertreten. Der schräge Brausepöter-Touch ist aber stets wiedererkennbar, auch in den Texten ("Geh mir weg mit Edith", "Ich hör jetzt nur noch Pink Floyd"). "Das Poppige ist ein bisschen auf den Rietberg-Einfluss zurückzuführen", erklärt Lück. Ob sie denn nicht auch etwas Anderes als ihre sperrigen Titel von früher spielen könnten, habe man sie in ihrer Heimatstadt häufiger gefragt. Kein Problem für Songschreiber Lück, der sich nach der Auflösung von Brausepöter unter anderem in der Band "Aussenvor" stilistisch weiterentwickelte. (tom) Brausepöter: "Selbstauslöser", CD, LP, Download, Überfall Records.

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