Schweizer Musiker erfinden das Hang und das Gubal

Klänge von Himmel und Erde

VON MARIA FRICKENSTEIN

Die Berner Klang-Erfinder Felix Rohner und Sabina Schärer. - © FOTO: MARIA FRICKENSTEIN
Die Berner Klang-Erfinder Felix Rohner und Sabina Schärer. | © FOTO: MARIA FRICKENSTEIN
Schweizer Musiker erfinden das Hang und das Gubal - © Kultur
Schweizer Musiker erfinden das Hang und das Gubal | © Kultur

Bern. Sein Klang ist sanft, harfengleich, bezaubernd, berauschend. Magie ist im Spiel. Ästhetisch schön ist seine Mandel-Form. Irgendetwas Asiatisches könnte man vermuten oder gar an ein Ufo denken. Doch überraschenderweise ist das Instrument aus Blech, heißt Hang und stammt aus der Schweiz.

"Am Blech spüren alle ihre Grenzen", sagen die Klangkünstler Felix Rohner und Sabina Schärer aus Bern. Der Name "Hang", eine geschützte Wortmarke, ist schnell erklärt. Zu berndeutsch bedeutet er Hand, und mit den Händen wird es auch gespielt. Der Grundton, genannt Ding, thront als Kuppel in der Mitte, rund herum der Chor mit sieben Tönen, unten eine Resonanzöffnung, das Gu.

Zunächst bauten die Schweizer rund zwei Jahrzehnte Steelpans, entwickelten dann das spezielle Pang-Blech, aus denen die Pang-Instrumente mit lautpoetischen Namen entstanden: Ping, Pong, Pung, Peng, Doppelpeng und Hang. "Wir haben die verrücktesten Experimente gemacht", erzählen die Musiker in ihrer Werkstatt an der Aare.

Aus zwei Pang-Halbschalen entstand 1999 die noch recht wuchtige Urform des Hang. Zwei Jahre später präsentierten die Hangbauer erste Prototypen auf der Frankfurter Musikmesse. Die erste Generation war geboren. Es folgte ab 2006 die zweite Generation mit anderen Stimmungen, dann das Integrale Hang und schließlich das Freie Integrale Hang 2010, das die Erbauer nicht mehr mit dem Stimmgerät stimmten, sondern per Gehör.

Auf der Website hangblog.org erläutert Fachmann Michael Paschko die Besonderheiten des Hang.
Auf der Website hangblog.org erläutert Fachmann Michael Paschko die Besonderheiten des Hang.

"Das Hang ist ein Geschenk des Himmels", so die beiden Künstler über den weltweit großen Anklang. Die Klänge seien aber auch wie verführerische Sirenen, die manchmal allzu sehr berauschen. Den kommerziellen weltweiten Handel in Musikläden stellten die Berner trotz Erfolg schnell ein, um die gewonnene Zeit zur kontinuierlichen Entwicklung ihrer Klangskulpturen zu nutzen. Interessenten bewarben sich per Post und wer Glück hatte, bekam ein Hang.

So manche Anekdote wissen Rohner und Schärer zu erzählen wie von der 100-Jährigen, die unbedingt Hang spielen wollte. Ein georgischer Politiker glaubte, im Hang die Stimme Georgiens zu hören. "Das Hang nimmt uns die Schwere", beteuerte ein syrischer Sufi.

Bis heute zieht das Hang viele in seinen Bann, Musiker wie Laien. Ohne Lehrbuch gilt es, einen Rhythmus zu finden, eigene Melodien und Klangfolgen. "Das Hang ist eine Zauberkugel", beschreiben die Künstler die Magie. Wie ein Spiegel reflektiere es den Spieler, agiere wie ein Seismograph, ein Scheinwerfer, der in verborgene Winkel strahle. Nahezu 20.000 Briefe zeugen von Faszination, Begehren und Obsession für die rund 8.000 Hanghang (Plural von Hang). Aber damit ist jetzt Schluss, denn die Produktion ist eingestellt. Zum Erstaunen und zum Bedauern der Hangfans.

Von Anfang an waren die Klangbauer nicht auf Kommerz aus, wollten forschen und die Instrumente weiterentwickeln. Und so markiert das Ende des Hangs den Beginn eines neuen Instruments, des Gubals. Wohl gibt es inzwischen zahlreiche Kopisten, die versuchen, Form und Klang des Hangs nachzubauen, doch es gelang ihnen bislang nur eine klangliche Ähnlichkeit.

Als Künstler suchen Rohner und Schärer die Veränderung jenseits des europäischen Standards. Mit dem Hammer schlagen die Tuner die Töne ins Blech, auch bei dem neuen Gubal. Es ermöglicht tiefere Schwingungen als das Hang. "Das Gubal ist da. Himmel und Erde", so die Erbauer. Es verbindet im Spiel Rhythmus, Melodie und Gesang, das Helle, das Dunkle, die Zwischentöne. Die Gu-Öffnung des Hang liegt beim Gubal als erstmals harmonisch gestimmter "Ringding" obenauf. Erweitert wurde die Blechskulptur um den drei Liter großen Resonanzraum "Gugel", der im Schoß des Spielenden liegt.

"Man spielt das Gubal immer nah am Blech wie ein Tablaspieler", so Rohner. Die Hände schlagen leicht an, klopfen, wischen, regen den tiefen Bass-Sound an, erzeugen den Groove. "Das ist der Tanz des Gubals", so die Künstler, die zugleich Klangforscher, Philosophen und Hang-Buch-Autoren sind. Längst ist die Berner Klangerfahrung für die Zukunft in guten Händen. Rohners Söhne Basil und David sind begeistert bei der "stillen Revolution" dabei.

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