Kultur Interview mit Kabarettist Ingo Börchers: „Ich lote auch Tiefen aus“

Börchers (44) verrät, was im Jahresrückblick „Global denken, lokal amüsieren“ zu erwarten ist. Premiere ist am 27. Dezember im TAM

Anke Groenewold

Herr Börchers, nach einer erfolgreichen Premiere 2016 bescheren Sie im Theater jetzt erneut einen kabarettistischen Jahresrückblick und blicken auf Glanz und Elend im Jahr 2017. Lässt beim zweitem Mal das Lampenfieber nach? Ingo Börchers: Nein, überhaupt nicht, kein Jahr gleicht ja dem anderen. Ich bin genauso aufgeregt, denn ich kann ja nicht auf erprobtes Material zugreifen. Das bleibt spannend. Was für mich den Abend so interessant macht, ist, dass da nicht einfach nur ein Kabarettist steht und die Welt rezensiert, sondern dass ich mir Gäste einladen darf und bei aller Albernheit auch Gespräche stattfinden dürfen. Wer wird kommen? Börchers: Das soll eine Wundertüte bleiben. Es werden jeweils zwei Gäste pro Abend sein, das macht bei vier Shows insgesamt acht Gäste. Und die Zuschauer werden nicht wissen, welche Gäste ich pro Ausgabe einlade. Ich habe versucht, die ganze Bandbreite abzudecken - von Bielefeldern, die sich im Ehrenamt verdient gemacht haben, bis hin zu jemandem, der eine Sportart ausübt, die es nicht so leicht hat. Es sind Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Wichtig ist mir, dass es überwiegend nicht die üblichen Verdächtigen sind, sondern solche, die sonst nicht im Rampenlicht stehen. Sammeln Sie das ganze Jahr über für den Rückblick? Börchers: In meinem Büro stehen sechs Archivboxen mit Zeitungsartikeln, die ich für relevant hielt. Letztendlich entschieden wird es tatsächlich in der Zielgerade. Ich finde es schön, einerseits noch mal zurückzublicken auf die Dinge, die Leute vielleicht schon vergessen haben. Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass den Menschen das, was in den letzten acht Wochen passiert ist, präsenter ist als das, was im Januar oder Februar geschehen ist. Da muss ich sehen, wie ich das gewichte. Komik funktioniert ja nicht, indem ich erstmal eine halbe Stunde lang einen gemeinsamen Erfahrungshorizont aufbaue, um dann eine Pointe abzufeuern. Ich muss auch mit dem spielen, was gerade in der Luft liegt. Können Sie ein paar Beispiele nennen? Donald Trump wäre naheliegend. Börchers: Trump wird ein bisschen eine Rolle spielen. Ansonsten interessiert mich sehr, was ab jetzt mit Herrn Middelhoff passiert. Das Schöne ist wirklich, vom Kleinen ins Große zu kommen. Air Berlin sagt sich, wer wird denn gleich in die Luft gehen, und der Ringlokschuppen meldet Insolvenz an. Ich nehme mir die Freiheit, da Verbindungen herzustellen. Oder ich frage mich, ob Pit Clausen sich nicht selbst damit schadet, wenn die Stadt die Hundesteuer auf 144 Euro erhöht hat. Ein großes lokales Thema wird natürlich sein: Was wird mit dem Helmut-Kohl-Platz, dem Hannes-Wader-Weg oder der Ernst-Rein-und-lustig-wieder-raus-Straße. Wie viel Lokales, wie viel Internationales ist zu erwarten? Börchers: Das soll sich die ungefähr die Waage halten. Das Motto "Global denken, lokal amüsieren" ist Programm. Wie bewerten Sie das Jahr 2017 auf einer Skala von eins bis zehn? Börchers: Um einen alten jüdischen Spruch zu bemühen: schlechter als das letzte, aber wahrscheinlich besser als das nächste. Was war Ihr persönliches Highlight? Börchers: Natürlich arbeite ich mich als Kabarettist auch am Scheitern von Jamaika ab. Ich finde, dass es uns gar nicht so schlecht geht damit, dass wir jetzt nur eine geschäftsführende Regierung haben. Man könnte darüber nachdenken, ob das nicht so bleiben kann. Das ist etwas, was mich bundesweit interessiert. Ich hätte den Jahresrückblick auch sehr kurz gestalten und mir einfach eine Primark-Tüte auf den Kopf setzen können. Werden Harvey Weinstein, sexuelle Übergriffe und MeToo auch ein Thema sein? Börchers: Das ist ein sensibles Thema. Ich habe das große Glück, dass ich mir Gesprächspartnerinnen einladen darf, mit denen ich auch Tiefen ausloten kann. Es gibt Themen, da muss man keine Pointe draus machen. Ansonsten gilt: Lustig machen darf man sich über Täter eher als über Opfer. Das ist ehernes Gesetz. Musik wird es auch wieder geben? Börchers: Ja, es gibt auch wieder was auf die Ohren, diesmal von der reizenden Sarah Kuffner. Sie hat eine tolle Art von Humor. Ich fürchte, sie ist mit der Songauswahl, die ich ihr aufs Auge drücke, komplett unterfordert. Im November wurde bekannt gegeben, dass Sie im Oktober 2018 mit dem "Leipziger Löwenzahn" des dortigen "Lachmesse"-Festivals ausgezeichnet werden. Da heißt es wohl, Geduld haben . . . Börchers: Ich fühle mich wie der Esel, vor dem die Mohrrübe hängt (lacht). Was skurril ist: Ich habe mein Soloprogramm "Ferien auf Sagrotan" im Rahmen dieses Festivals gespielt und wusste gar nicht, dass ich damit an einem Wettbewerb teilnehme. Ich freue mich natürlich, weil der Preis im Osten der Republik ein gewisses Echo erzeugt. Ich finde es schön, dass der MDR jetzt eine Produktion mit mir starten will und ich als Wessi auch mal in Leipzig, Jena und Senftenberg arbeiten darf, die ich sonst nur als Tourist kenne.

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