Kultur Beherzte Satire

Neues Programm: Die Satiriker von „Hertz an Hertz“ decken auf, wie mediale Überreizunguns vom Eigentlichen abzuhalten droht

Andreas Klatt

Bielefeld. Die Kunst des zelebrierten Understatements gehört zur Klaviatur der Satire. Und die beherrschen die drei Künstler der Bielefelder Satireshow „Hertz an Hertz“ mit Bravour, das haben sie mit ihren bisherigen Bühnenauftritten bewiesen. Auch am Samstagabend konnten Philip Strunk, Conor Körber und Simon Strehlau im Kamp-Café das eindrucksvolle Niveau der letzten Ausgaben halten. Ursprünglich sollte der Abend schon Anfang Juli im Falkendom stattfinden – doch dann führten Anwohnerproteste wegen der Lautstärke im Dom zu einer Absage. Für das nonchalante Trio eine willkommene Gelegenheit, sich aus der Klamottenkiste der ausgelatschten TV-Narrative den von tragischer Klaviermusik begleiteten Absturz auszuborgen: Ein Einspieler am Anfang zeigt die Drei mit zerzausten Haaren, untereinander heillos zerstritten. Damit bleibt die Show ihrer Tradition treu, dass besonders die kalkulierte Gefühlsduselei der Medienmaschinerie ihr Fett wegbekommt. Das Trio wagt sich auch an heikle, unbequeme Themen Die Entwicklung kritisierend, dass in Zeiten der Dauerberieselung immer krudere Strategien zum Einsatz kommen, um in der Kakophonie Aufmerksamkeit zu sichern, wenden die Drei sich anschließend gewitzt der „Youtubisierung“ des Journalismus zu. In den Interviews, die Youtuber mit Angela Merkel führen, geht es nicht um Inhalte, sondern um Lieblings-Emoticons. Überhaupt sei die junge Generation in erster Linie an der äußeren Attraktivität der Politiker interessiert. Im kurzen Parteien-Rundumschlag zu den anstehenden Wahlen werden denn auch zielsicher Peinlichkeiten entlarvt, wie Politiker mit wallender Wortakrobatik zur Antwort auf gesellschaftliche Fragen stilisiert werden. In Karikaturen schlüpfen die Studierenden selbst in die Wahlkampfpose – und decken auf, wie nichtssagend Politik zu werden droht, wenn die im Internet zelebrierte Trivialität den demokratischen Muskel der Gesellschaft über die Maßen einlullt. „ASMR“ ist so ein Trend, über den die Satiriker sich mokieren – ein Mädchen lutscht geräuschvoll schmatzend an einer Mango, um ihrem Onlinepublikum zu einem „Kopforgasmus“ zu verhelfen. Ein anderes Mädchen ereifert sich ausgiebig darüber, wie schön sie die Weihnachtsdeko-Produkte aus dem Billigdiscounter findet. Einspieler, die auf erschreckend komische Weise die Persiflage auf verschwörerische Mysterysendungen einrahmen, in denen hanebüchene Pseudozusammenhänge abenteuerliche Behauptungen zusammenkleistern: Da erscheint mitunter der satirische Einfall, dass ein Sender den Dschihad und Barack Obama als Triebfedern der gesellschaftlichen „Schwulisierung“ identifizieren könnte, gar nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen. Ein Thema, das den Mut des Trios illustriert, sich auch an unbequeme, heikle Themen heranzuwagen – und genau hier mit satirischen Mitteln aufzuzeigen, dass wir uns von überdrehten Medien und kurzlebigen Trends nicht in die Irre führen lassen sollten: Den eigenen Kultursinn auf die Frage zu beschränken, ob in diesem Sommer Adiletten kombiniert mit Culottes – dem Trend-Piece mit viel Beinfreiheit – angesagt sind, um der eigenen Einzigartigkeit Ausdruck zu verleihen, erweist sich letztlich als dürftiger Versuch, Lebenssinn in einem übervollen Reizangebot zu konstruieren. Die beherzte Satire des Uniradios war wieder einmal ein inspirierendes Antidot, um diesen Mangelzustand offenzulegen und dazu anregen, sich selbst einen Reim auf die kleinen und großen Dinge des Lebens zu machen.

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