Benedict Cumberbatch in der Sky-Serie "Patrick Melrose". - © 2018 Showtime/Sky UK Ltd/Justin Downing
Benedict Cumberbatch in der Sky-Serie "Patrick Melrose". | © 2018 Showtime/Sky UK Ltd/Justin Downing

Serien "Patrick Melrose" auf Sky: Stimmen im Kopf, Spritzen im Einstecktuch

Angela Wiese

Die Sky-Serie "Patrick Melrose" ist aus mehreren Gründen eine Sensation. Ein Grund ist Schauspieler Benedict Cumberbatch ("Sherlock"). Ein anderer ist, dass die schmerzhafte Geschichte um den Kampf mit einem richtigen Scheißleben sogar noch Platz für guten Humor lässt. Patrick Melrose ist ein mittlerweile erwachsenes Kind der englischen High Society. Eine Schlangengrube, in der Machtkämpfe über Spott und Demütigungen ausgefochten werden. Keine Empathie, kein Mitleid. Patrick Melrose ist für den Zuschauer auch erst mal ein Narzisst. Nur will man ihn dafür nicht hassen. So ist es jedenfalls in der ersten Folge. Da erfährt Melrose am Telefon vom Tod seines Vaters. Erst einmal ist gar nicht klar, ob diese Nachricht eine gute oder eine schlechte ist. Denn der 23-Jährige hat sich kurz vor dem Telefonat eine dicke Portion Heroin in die an Nadeln bereits gewöhnten Venen geschossen. Bald stellt sich heraus, Patrick ist froh über den Tod seines Vaters, seines Vergewaltigers, der sein Leben bis ins Erwachsenenalter prägt. Es gibt also einen Grund für Patricks unsägliches, arrogantes und ignorantes Verhalten. Das Drama wird Stück für Stück sichtbar. "Patrick Melrose" ist eine Geschichte voller Schmerz. Der Zuschauer begleitet ein Leben Der Stoff reicht, um aus der Serie ein einziges Trauerspiel werden zu lassen. Doch der Zuschauer weiß lange nicht, ob er lachen oder weinen soll. Der Selbstzerstörungstrip, den Schauspieler Cumberbatch so unglaublich intensiv und mitreißend spielt, ist gespickt mit schwärzestem Humor. Kann eine Szene, in der ein mit Beruhigungsmitteln vollgestopfter Junkie verweifelt versucht, auf die Toilette eines piekfeinen Restaurants zu gelangen, um sich dort mit Kokain wieder auf Vordermann zu bringen, eigentlich witzig sein? In dieser Serie schon, ohne einen Anflug von Lächerlichkeit übrigens. Es bleibt nicht beim Drogentrip. Die fünfteilige Miniserie auf der Grundlage von Edward St. Aubyns "Melrose-Saga" begleitet Patrick durch sein Leben. Der Zuschauer kehrt mit ihm zurück zum Trauma seiner Kindheit. Er sieht ihm beim späteren Nüchternsein zu, bei der Auseinandersetzung mit seinem Trauma, beim Versuch ein "normales Leben" zu führen. Vom ersten Moment an will der Zuschauer dabei bleiben bei dieser Geschichte, in der Hoffnung, es möge gut ausgehen. Für Patrick Melrose ist das Leben "ein Eimer voll Scheiße, der auch noch leck ist. Man bekommt zwangsläufig etwas ab." Die Leistung von St. Aubyns Geschichte ist, dass sie es schafft, dem Zuschauer den harten Kampf gegen die Nachwirkungen einer physisch und emotional brutalen Kindheit nahezubringen. Er dauert ein Leben lang. Die Mischung aus Humor und Schmerz, mit der die Serie diese Geschichte erzählt, haut den Zuschauer um.

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