Die "Opferrolle" gehört zur Strategie der AfD. Jetzt musste sie dafür nicht mal selbst etwas tun. - © dpa
Die "Opferrolle" gehört zur Strategie der AfD. Jetzt musste sie dafür nicht mal selbst etwas tun. | © dpa

Meinung AfD kritisiert "Heute Show": Endlich auch mal Opfer

Die "Heute Show" hat einen AfD-Politiker mit Sprachbehinderung bloßgestellt - und sich dafür entschuldigt. Ein richtiger Schritt. Denn genau das unterscheidet unsere Gesellschaft von den Rechten.

Matthias Schwarzer

Köln. Dass rechte Gruppierungen gern die "Opferrolle" einnehmen, ist nichts Neues. Die Taktik ist bewährt und simpel: Wer Opfer ist, kann schließlich kein Täter sein. Und wer gegen Flüchtlinge hetzt, der tut das nur um sich zu "wehren". Mit dieser Masche wird der Hass gegen Minderheiten ganz unterbewusst und perfide legitimiert. Die AfD beherrscht das in Perfektion. Nun ist allerdings etwas passiert, das hat es so noch nicht gegeben: Seit Freitag ist ein AfD-Politiker tatsächlich Opfer. Die ZDF "Heute Show" hatte einen Witz über seinen Sprachfehler gemacht - und der war, da sind sich alle einig: völlig daneben. Dieter Amann ist AfD-Politiker in Stuttgart - und er stottert. Darauf hat er bei seinem Vortrag als Sachverständiger im Bundestagshauptausschuss auch ausdrücklich hingewiesen. Das ist aber offenbar nicht bei den Redakteuren der "Heute Show" angekommen: Sie verwendeten einen Teil seiner Rede am Freitagabend, um sich über seine holprige Sprache lustig zu machen. "Hetzpropaganda" Der Fauxpas blieb natürlich nicht unbemerkt: Diverse Twitter-Nutzer kritisierten die "Heute Show" am Montag, darunter auch das NDR-Magazin "Zapp". Sollte das lustig sein, @heuteshow? Finden wir nicht. pic.twitter.com/EUPzT9ZRqS — ZAPP Medienmagazin (@ZappMM) 5. Februar 2018 Die "Heute Show" selbst reagierte umgehend und entschuldigte sich: "Es war nicht unsere Absicht, uns über diese Behinderung lustig zu machen. Hätten wir davon Kenntnis gehabt, hätten wir den Ausschnitt natürlich nicht gesendet," erklärte der Sender. Die lauteste Kritik kam aber natürlich nicht von Twitter-Nutzern und Medien, sondern von der AfD selbst. Die Partei warf Moderator Oliver Welke "Hetzpropaganda auf Kosten von Behinderten" vor. Die "Heute Show" liefere einen weiteren Grund, "das gesamte System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frage zu stellen". Zudem forderte die Partei die "Entfernung" des Moderators aus dem ZDF. Und, ganz nebenbei, tat die AfD das, was sie am besten kann: Sie begab sich in die Opferrolle. Sie rückte Welke und das ZDF in die Nähe von Verfassungsfeinden - der gegen Nazis angewendete Spruch "Wehret den Anfängen" wurde kurzerhand umgedreht und an die "Heute Show" addressiert. Für ihre Partei-PR musste sich die AfD diesmal überhaupt kein Aufreger-Thema ausdenken - das hatte bereits die "Heute Show" für sie übernommen. Und das ist bitter. Heuchlerische Doppelmoral Der Sinneswandel der Partei ist angesichts der Diskussion derweil ziemlich erstaunlich. Es ist nicht lange her, da hatte AfD-Vorsitzende Alice Weidel noch gesagt: "Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte." Den Satz nahm die AfD bislang auch bitter ernst - bis es sie nun selbst traf. Satiriker Jan Böhmermann wies auf Twitter auf die heuchlerische Doppelmoral hin: "So diskriminiert und beleidigt, wie sich die AfD gerade nach dem missglückten 'Stotter–Clip' der 'Heute Show' vorgeblich fühlt, fühlen sich Millionen Menschen WIRKLICH jeden Tag durch die niemals witzig gemeinten Diskriminierungen und entschuldigungslosen Beleidigungen der AfD", schrieb er. Damit hat Böhmermann sicherlich recht. Und klar, die ganze Jammerei trieft nur so vor billiger AfD-Propaganda. Der Witz der "Heute Show" war aber trotzdem scheiße. Und es war völlig richtig, sich dafür zu entschuldigen. Denn genau das unterscheidet unsere Gesellschaft von den Rechten: Uns ist die politische Korrektheit eben nicht egal. Ein Politiker wird beleidigt, weil er rassistisch ist oder dummes Zeug redet - aber nicht, weil er eine Sprachbehinderung hat. Das sollte gesellschaftlicher Konsens sein. Wer hingegen täglich versucht, diesen Konsens zu durchbrechen und zu verschieben, das ist - keine große Überraschung: die AfD. Nicht nur aus diesem Grund, sollte man ihre Masche verurteilen und ihr entgegentreten. Witze über lustig stotternde Politiker, wie in der "Heute Show", helfen dabei aber nicht. Sie verschlimmern die Situation nur noch.

realisiert durch evolver group