Treffen sich vier Ermittler am Stadion. Einer hat Tollwut, drei sind traurig. - © WDR/Thomas Kost
Treffen sich vier Ermittler am Stadion. Einer hat Tollwut, drei sind traurig. | © WDR/Thomas Kost

TV & Film Tatort "Tollwut" aus Dortmund: 90 Minuten Mimimi

Im neuen Tatort sind alle traurig, der Rest hat Tollwut. Nur unser Autor hatte sichtlich Spaß.

Matthias Schwarzer

Dortmund. Man kann seinen Sonntagabend wahrlich amüsanter verbringen, als drei wehleidigen Ruhrpott-Kommissaren beim Jammern zuzugucken. Aber einer muss es ja machen. Fast 90 Minuten baden Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel) in den Tränen ihres Selbstmitleids. Und der Tatort aus Dortmund zieht sich mit all seinem Mimimi wie ein altes Kaugummi, aus dem schon seit Stunden der letzte Geschmack entwichen ist. Was bleibt, ist ein starrer Blick in den Fernseher und das gute Gefühl, dass es offenbar Menschen gibt, denen es noch viel schlechter geht als uns. Manche von ihnen haben sogar Tollwut. "Martina, ich wurde ermordet, akzeptiere das bitte." Das übrigens ist, kein Witz, das Thema dieses Films. Und wie kann man so ein dringendes Thema unserer Zeit vernünftig aufbereiten? Man lässt in einer JVA ein paar Häftlinge daran sterben und drei kaputte Ermittler ermitteln. Das Problem: Die Häftlinge aus der JVA sind nicht die einzigen, die an Tollwut erkranken. Auch Gerichtsmediziner Jonas Zander hat's erwischt. Er hat nur noch sieben Tage zu leben, will aber vorher noch dringend seinen Mörder fassen. Was für ein Mann. Am Dortmunder Stadion, in dem sich sonst nur Fußballer für Gänsehaut-Momente sorgen, spielt sich an diesem Morgen ein ganz anderes Drama ab: Zander berichtet seinen Freunden von seinem Schicksal und erklärt zur Sicherheit noch mal den kompletten Krankheitsverlauf, damit man ihn nicht googlen muss. Kommissarin Bönisch kann das alles nicht fassen. Es kommt zu Dialogen wie: "Martina, ich wurde ermordet. Bitte akzeptiere das." Martina dreht sich um und fährt davon. Alle sind traurig Doch wer nun voller Hoffnung glaubte, die Lindenstraßen-Musik würde ertönen und dem miesen Laienschauspiel ein vorzeitiges Ende bereiten, der sollte bitter enttäuscht werden. Die Tollwut-Beichte ist nur der Auftakt eines riesengroßen Feuerwerks der Jammerei. Das Wichtigste kurz notiert: Gerichtsmediziner Zander wird zwar sterben, will das aber seinem besten Freund nicht sagen. Kommissarin Dalay: "Er ist einer deiner besten Freunde. Du musst ihm doch die Chance geben, Abschied zu nehmen." Zander: "Ich will nicht Abschied nehmen. Ich höre lieber laut Volksmusik und tanze nackt durch meine Wohnung. Verdräng den Scheiß, solange es geht". Wir warten gespannt auf den Max-Giesinger-Song zu diesem Thema. Eine random Forscherin der Tierversuch-Lobby muss fast weinen, weil (Zitat) "selbsternannte Tierschützer" die Einrichtung kaputt gemacht haben. "Die haben das ganze Labor zerstört, Graffiti gesprüht. Was man halt so macht, wenn man denkt, als einziger auf der Welt im Recht zu sein." Die JVA-Chefin ist traurig, weil hier jetzt ganz großes Chaos ist wegen der Tollwut. Sie will aber unbedingt ihren Job behalten. Kommissar Faber ist traurig, weil niemand ihn mag. Kommissarin Dalay ist traurig, weil ihr Ex-Partner nach Düsseldorf gewechselt ist - also will sie jetzt auch nach Düsseldorf wechseln. Hier muss es sich um einen Drehbuch-Fehler handeln: Kein Dortmunder würde das jemals wollen. Zander ist traurig, weil er Tollwut hat und von Kommissarin Bönisch einen (Zitat!) "Mitleidsfick" will. Kriegt er auch. Danach ist er wieder traurig. Und zu allem Überfluss trifft Kommissar Faber dann im Gefängnis auch noch auf den Mörder seiner Familie, der am Ende sogar aus dem Knast entkommt. Irgendwie kann man die schlechte Stimmung ja verstehen. Das ist aber auch alles echt blöd gelaufen.

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