In seiner unterirdischen Welt dokumentiert "Harbinger" (Christoph Bach) seine gesammelten Beobachtungen. - © rbb/Gordon Muehle
In seiner unterirdischen Welt dokumentiert "Harbinger" (Christoph Bach) seine gesammelten Beobachtungen. | © rbb/Gordon Muehle

TV & Film "Dein Name sei Harbinger": Krimi mit Tempo, der etwas übers Ziel hinausschießt

Unser Fazit zum aktuellen Tatort aus Berlin

Leandra Kubiak

In "Dein Name sei Harbinger" greifen die Ermittler zu drastischen und vor allem unüblichen Mitteln, um den Fall aufzulösen: Nina Rubin (Meret Becker) lässt ihren Kollegen Robert Karow (Mark Waschke) bereitwillig auf sich schießen (starke Blutergüsse am Bauch sind die Folge), damit der sich vermeintlich mit dem Tatverdächtigen Werner Lothar (Christoph Bach) verbünden kann. Auch Karow muss im Verlauf der Folge einiges auf sich nehmen, denn bei dem Versuch, das Vertrauen von Lothar zu gewinnen, wird er gleich zwei Mal von diesem überwältigt, muss ein Bad in einer Lauge über sich ergehen lassen und zum Finale des Films sogar um sein Leben fürchten (auch wenn er die Situation aus seiner Sicht vermutlich zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle hatte). Die Ermittlungsmethoden machen deutlich, dass es die Kommissare hier mit einer äußerst speziellen Person zu tun haben. Lothar ist schon als Jugendlicher auffällig geworden, verbrachte eine Zeit in der Psychiatrie und lässt sich nun - in dem Glauben, damit seinen Beitrag zu etwas Großem zu leisten - von Klinikleiter Stefan Wohlleben steuern. Das Thema: Ein Skandal in der Kinderwunschklinik Dass die Macher dieser Tatort-Folge den Titel "Dein Name sei Harbinger" gegeben haben, trifft es ziemlich gut. Denn Werner Lothar, der das Pseudonym "Harbinger" trägt, ist letztlich Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Er ist es, der (gesteuert von Klinikleiter Wohlleben) dessen Halbgeschwister im Auge behält, deren Leben dokumentiert und eingreift, wenn es sein muss - und die Morde so erst möglich macht. Am Ende gelingt es Harbinger dann, die Rollen umzudrehen und die Fäden selbst in der Hand zu nehmen. Er entscheidet nicht nur über sein Leben, sondern auch das von Stefan Wohlleben. Vier Mordfällen liegt in diesem Fall das selbe Motiv zugrunde - und ausgerechnet Kommissarsanwärterin Anna Feil (Carolyn Genzkow) könnte das nächste Opfer sein. Das Thema des Films ist ein Skandal in der Kinderwunschklinik "Wohlleben". Mehreren Frauen wurde dort bei der künstlichen Befruchtung ohne deren Wissen die Eizelle einer anderen Frau (nämlich von Klinikleiterin Wohlleben) eingepflanzt - biologisch sind sie mit ihren Kindern also nicht verwandt. Der Film ist gut gemacht, die Thematik nicht uninteressant und auch die Schauspieler überzeugen größtenteils. Trotzdem ist das am Ende alles einen Hauch zu viel. Die Beweggründe von Irene Wohlleben und deren Partnerin für ihre Taten wirken nicht überzeugend und auch das Motiv von Stefan Wohlleben, seine Halbgeschwister "aus dem Weg zu räumen", bleibt fragwürdig. Dass es dann ausgerechnet noch die Kommissarsanwärterin sein muss, die ebenfalls auf diesem Weg gezeugt wurde und als Nächste auf der Liste steht, setzt dem Ganzen die Krone auf. "Dein Name sei Harbinger" ist ein spannender Tatort, schießt am Ende aber etwas über das Ziel hinaus.

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