Radfahrer, Regisseur und Hauptdarsteller Bryan Fogel nimmt leistungssteigerndes Testosteron - um zu beweisen, dass er bei einem Rennen mit Doping davon kommt. - © NETFLIX
Radfahrer, Regisseur und Hauptdarsteller Bryan Fogel nimmt leistungssteigerndes Testosteron - um zu beweisen, dass er bei einem Rennen mit Doping davon kommt. | © NETFLIX

TV & Film Netflix-Doku "Ikarus": Mein Freund, der Chefdoper

Filmemacher und Amateur-Radfahrer Bryan Fogel findet sich unverhofft im größten Dopingskandal der Sportgeschichte wieder - und verliert dabei die kritische Distanz zu seinem Protagonisten

Björn Vahle

Eigentlich ist alles ganz anders geplant. Bryan Fogel, Filmemacher und Amateur-Radfahrer, will beweisen, dass das Anti-Doping-System im Radsport nicht funktioniert - und sich dafür selbst dopen. Wenig später ist Fogel Teil des größten Skandals der Sportgeschichte: Der Enthüllung des staatlich orchestrierten Dopings fast aller russischen Top-Athleten. Die Haute Route, die am Anfang des Vorhabens steht, ist so etwas wie die Tour de France für Amateur-Radler. Fogel hat die einwöchige Tortur durch die französischen Alpen bereits absolviert, wurde 14. Seine These: An alle, die vor ihm ins Ziel fuhren, kommt er ohne leistungssteigernde Mittel nicht heran. Sein Plan: Sich selbst dopen und schauen, ob er damit durchkommt. Das soll unter professioneller ärztlicher Aufsicht geschehen. Fogel spricht Don Catlin an, den Begründer moderner Doping-Tests im Sport. Dem wird das Vorhaben bald zu heiß, er empfiehlt einen Kollegen, den Chef des russischen Anti-Doping-Labors: Grigory Rodchenkov. Was Fogel zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Rodchenkov führt ein Doppelleben. Geschichten, die das Fernsehen liebt Die beiden tüfteln zunächst gemeinsam am Programm für Fogels Doping-Doku. Rodchenkov weiß genau, wie man die Kontrollen austricksen kann. Doch das Projekt scheitert. Fogel kommt zwar mit dem Doping durch, doch einen besseren Platz schafft er nicht. Dann erscheint eine ARD-Doku, die Beweise dafür vorlegt, dass der russische Staat seit Jahrzehnten systematisch Top-Athleten das Doping ermöglichte. Im Zentrum der Verschwörung steht der vermeintliche Doping-Gegner Rodchenkov. Aus der Doku wird in diesem Moment ein Thriller. Doch sie verliert hier auch ein gutes Stück ihrer Glaubwürdigkeit. Rodchenkov enthüllt gegenüber Fogel, wie er die russischen Athleten mit Hilfe des Staates am Anti-Doping-System vorbei manövrierte. Bei der Olympiade in Sotschi holten sie so 13 Goldmedaillen, so viele wie nie zuvor. Laut Rodchenkov weiß der russische Präsident Vladimir Putin um den Betrug. Das Fernsehen liebt solche Geschichten, Verschwörungstheorien, von denen man ja immer schon geahnt hat, dass sie wahr sind. Und dann auch noch mit einem Bösewicht, den vor allem die amerikanische Öffentlichkeit nie als etwas anderes gesehen hat: den russischen Staat. Fogels Fehler Das Problem: Fogel lässt sich durch die entstandene Freundschaft zu Rodchenkov dazu verleiten, ihn als Märtyrer zu porträtieren. Der Chefdoper darf sich als Enthüllungshelfer darstellen, stellt sich der New York Times als Whistleblower zur Verfügung. Muss flüchten, sich von seiner Familie trennen, kommt ins einsame Zeugenschutzprogramm. Ohne seine Frau und Kinder. Fogel macht Rodchenkov damit - bewusst oder unbewusst - zum "unsung hero", zum unbesungenen Helden, dem vermeintlich einzigen mit Gewissen in einem korrupten Machtapparat rund um den russischen Sport. Dass der Mann über Jahrzehnte Sportfans betrogen, Athleten mit Steroiden vollgepumpt hat und nun sogar den Filmemacher für seine Rehabilitation benutzt, wird völlig zur Nebensache. Das verdrehte Rollenbild gipfelt in dem Moment, als Thomas Bach, Chef des internationalen olympischen Kommitees, die zuvor für alle olympischen Wettkämpfe in Rio 2016 gesperrten russischen Athleten dort doch antreten lässt. Man darf vermuten, auf Druck Russlands. Ein Skandal, sicher. Das Problem ist die Einmischung Im Film wird dieses Kapitel mit "Akzeptieren" überschrieben. Rodchenkov darf aus Orwell's "1984" zitieren. Eine Atmosphäre der Unvermeidbarkeit des Schlechten soll das erzeugen. Das Böse siegt immer, so klingt es aus dem Subtext. Das ist zu viel der Interpretation durch den Regisseur. Man darf das mit Fug und Recht als den großen Makel an Fogels Film betrachten. Die Dramaturgie an sich fesselt nämlich ungemein. Der Zuschauer will wissen, wie Russland das Staatsdoping so lange aufrecht erhalten konnte (jahrelanges Sammeln sauberer Urinproben, die im richtigen Moment mit den belasteten Proben getauscht wurden). Die Spannung, erzeugt durch die ungeheuerlichen Fakten, ist nicht das Problem von "Ikarus". Doch Fogel erliegt der Versuchung, Partei zu ergreifen. Das ist bei einer Dokumentation haarig. Sie soll Fakten liefern, dem Zuschauer die Interpretation überlassen. Leider übernimmt das hier der Regisseur. Der sein ansonsten kraftvolles Werk, immerhin beim Sundance Film Festival ausgezeichnet, damit ein Stück weit zweifelhaft erscheinen lässt. "Ikarus" (121 Minuten) ist erhältlich im Abo bei Netflix.

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