Nura Achmadova (Yelena Tronina, li.) auf der Suche nach ihrer Vergangenheit. - © ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Nura Achmadova (Yelena Tronina, li.) auf der Suche nach ihrer Vergangenheit. | © ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

TV & Film Tatort "Kriegssplitter" aus Luzern überzeugt mit Familiendrama und überraschendem Täter

Fall um den toten Journalisten rückt teilweise in den Hintergrund

Andrea Sahlmen

Bielefeld. Viel nackte Haut. Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) im Bett mit seiner Geliebten Evelyn, die Hüllen fallen, es geht heiß zur Sache. Anschließend genießen sie ihre traute Zweisamkeit auf dem Balkon des Hotels. Muss man dem Kommissar beim Schäferstündchen zusehen, fragt man sich. Oder hat man das falsche Programm eingeschaltet? Im selben Moment stürzt jedoch ein Mann aus dem fünften Stock. Tot. Von nun an gibt es für Kommissar Flückiger, neben seiner Geliebten, einen anderen Fall, der seine Aufmerksamkeit verlangt. Sichtlich bemüht suchen Reto Flückiger und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) nach dem Mörder des toten Journalisten, richtige Spannung bietet allerdings mehr das Familiendrama um die Zwillinge Nurali Balsiger (Joel Basman) und Nura (Yelena Tronina). Das Wiedersehen der beiden Geschwister plätschert zunächst so dahin. Familienidylle auf der einen Seite, das arme geflüchtete Mädchen auf der anderen Seite. Erst als herauskommt, dass Nura, genau wie ihr Zwillingsbruder, ebenfalls auf der Suche nach ihrem Onkel (Jevgenij Sitochin) ist, kommt Spannung auf. Immerhin haben beide Geschwister unterschiedliche Absichten. Nura treibt Hass und Rachegelüste an, sie macht den Onkel für den Selbstmordanschlag ihrer Mutter verantwortlich. Nurali glaubt hingegen an das Gute in ihm und versucht ihn zu schützen. Hauptfall rückt in den Hintergrund Der Fall um den getöteten Journalisten gerät teilweise vollkommen ins Hintertreffen, denn die leidenschaftlichen Auftritte von Joel Basman und Yelena Tronina überdecken alles. Im Vordergrund scheint die Familientragödie und das Rätsel um den Onkel zu stehen. Dieser scheint schnell als (Massen-)Mörder identifiziert, immerhin hat er irgendwie Dreck am Strecken und muss sich in Bunkern verstecken. Auch als Mörder des Journalisten scheint er sich gut zu machen, doch das Ende kommt dann überraschender, als man vorher glauben mochte. Denn der Täter ist nicht der erwartbare Kriegsverbrecher, sondern die unscheinbare Nebendarstellerin. In den letzten Minuten gibt es dann auch noch eine zweite Leichte. Beim Sterbeprozess kann der Zuschauer in die Augen des Toten sehen, das Blutspucken erweckt besonderen Ekel. Doch man hat Mitleid mit diesem Täter, was sicherlich nicht so oft vorkommt. Schade, dass Nurali dafür sein Familienglück verspielt hat. Dem, der mit seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben wollte, holt die Vergangenheit ein. Fans von verstrickten Familiengeschichten dürften bei "Kriegssplitter" auf ihre Kosten gekommen sein. Für Anhänger des spannungsgeladenen Krimis war es wohl eher nichts. Zumindest gab es zwei Leichen. Das dürfte vielleicht ein wenig entschädigen.

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