Nurali Balsiger (Joel Basman) erhält Besuch von seiner Zwillingsschwester Nura (Yelena Tronina).. - © ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler
Nurali Balsiger (Joel Basman) erhält Besuch von seiner Zwillingsschwester Nura (Yelena Tronina).. | © ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

TV & Film Schweizer Tatort "Kriegssplitter" mit Erotik und Familientragödie

Tschetschenienkriege werden in das Bewusstsein gerückt

Andrea Sahlmen

Bielefeld. Viel nackte Haut. Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) im Bett mit seiner Geliebten Evelyn, die Hüllen fallen, es geht heiß zur Sache. Anschließend genießen sie ihre traute Zweisamkeit auf dem Balkon des Hotels. Muss man diesen Kitsch jetzt auch schon im Tatort ertragen? Im selben Moment stürzt ein Mann aus dem Fenster. Tot. Von nun an gibt es für Kommissar Flückiger, neben seiner Geliebten, einen anderen Fall, der seine Aufmerksamkeit verlangt. Im Tatort "Kriegssplitter" aus Luzern geht es um Krieg in Tschetschenien, einem fernen Land, um Misstrauen, Folter, Hass und Terror. „Wir haben doch keine Ahnung, wer dieser Abaev ist," sagt Flückiger irgendwann. „Widerstandskämpfer, Terrorist, Witwentröster, Held - ist alles eine Frage der Perspektive." Und genau diese Perspektive ist schwierig einzunehmen, für Nurali Balsiger (Joel Basman) und die meisten Zuschauer, denn sie kennen den Tschetschenien-Krieg nur aus dem Fernsehen oder Erzählungen. Nurali lebt in Luzern seine Familienidylle mit Frau und Kind, hat mit seiner Vergangenheit in Tschetschenien komplett abgeschlossen. Mit dem Eintreffen seiner Zwillingsschwester Nura (Yelena Tronina) aus seiner ehemaligen Heimat im Kaukasus wird sein Leben allerdings komplett auf den Kopf gestellt, denn sie ist durch denn Terror und Hass des Krieges schwer gezeichnet. Frage der Perspektive Wer ist gut und wer ist schlecht? Wer darf morden, wer sich rächen? Fans des klaren Durchblicks werden von diesem Tatort enttäuscht sein. Die "Kriegssplitter" von einem hässlichen Krieg ziehen sich rund 4000 Kilometer bis nach Luzern. Keinesfalls ein Thema, das an den Haaren herbeigezogen ist, denn die Schweizer haben seit den 90er Jahren tausende Tschetschenen aufgenommen, die vor dem Gemetzel zwischen Unabhängigkeitskämpfern und Russen geflohen waren. Schon wieder ein politischer Hintergrund beim Tatort, werden vielleicht manche stöhnen. Doch im Gegensatz zur aktuellen deutschen Flüchtlingskrise oder dem Terror im Nahen Osten, sind die Kriege in Tschetschenien fast in Vergessenheit geraten. Das Thema wirkt deshalb keinesfalls durchgelutscht. Womit konnte der Luzerner Tatort noch begeistern? Die schauspielerischen Leistungen des Geschwisterpärchens um Joel Basman und Yelena Tronina waren klasse, Wut und Hass konnte man beiden in den Augen ablesen. Ob "Kriegssplitter" nun sehenswert ist, bleibt wohl, wie oben erwähnt, "eine Frage der Perspektive". Der Luzerner Tatort fasziniert als Familientragödie mit dem Hintergrund der Tschetschenienkriege. Ein packender Krimi mit fesselnder Spannung, bei dem man sich die Nägel abkaut, sieht aber wohl anders aus.

realisiert durch evolver group