Senna Gammour tritt am Montag, 27. November im Bielefelder Ringlokschuppen auf. - © Tobias Dörer
Senna Gammour tritt am Montag, 27. November im Bielefelder Ringlokschuppen auf. | © Tobias Dörer

Bielefeld Interview mit Senna Gammour: "Die beste Beziehung ist die Beziehung mit dir selbst"

Am 27. November ist die ehemalige Monrose-Sängerin mit ihrem Bühnenprogramm "Liebeskummer ist ein Arschloch!" in Bielefeld

Julia Gesemann

Wer Senna Gammour nur als „Monrose"-Sängerin kennt, ist nicht häufig in den sozialen Netzwerken unterwegs. Längst ist die 37-Jährige mit der großen Klappe dort zur Frauenbeauftragten 2.0 mutiert, nun steht sie mit dem Programm „Liebeskummer ist ein Arschloch!" auf der Bühne. Im Gespräch ist sie schnell per Du und spricht gewohnt deutlich über Liebeskummer, Männer und Social Media. Senna, was mache ich gegen Liebeskummer? SENNA: Viele sagen ja: Iss Schokolade, setz Dich aufs Sofa, guck einen Film, geh mit Freunden shoppen. Aber meine Erfahrung mit Liebeskummer ist: Ich muss zeitweise die Stadt verlassen. Das würde ich auch jeder raten: Schnapp dir deine beste Freundin, nimm dir ein paar Tage frei – und macht einfach einen Girlstrip in eine andere Stadt. Tut was für die Seele, geht schön essen, zum Friseur. Dabei vergesst ihr alle Sorgen. Aber mein größter Tipp gegen Liebeskummer ist: Komm in meine Show. Dann wird es dir wirklich gut gehen. Warum? SENNA: Weil ich alle sieben Phasen des Liebeskummers mit Humor und Selbstironie erkläre. Das lenkt ab, du schämst dich nicht mehr und erkennst dich in meinen Geschichten wieder. Ich halte dem Publikum den Spiegel vor. Und am Ende führe ich dich wieder zu deinem Ursprungspunkt, zu dir selbst. Und ich werde dir beibringen, was du eigentlich schon längst weißt, aber gerade nicht wahrnimmst: dass die beste Beziehung im Leben die Beziehung mit dir selbst ist. Wenn du eine gute, gesunde Beziehung mit dir selbst führst, kannst du im Leben alles meistern. Auch den Worst Case: Der Exfreund kommt mit der besten Freundin zusammen? SENNA: Das ist gar nicht mehr der Worst Case, sondern mittlerweile schon Alltag. Weil die Moral verloren geht. Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann, ganz schlimm. Vertrauensbruch auf beiden Seiten. Man kommt sich sehr dumm vor, weil man es nicht gemerkt hast, man fühlt sich ausgenutzt. Aber man lernt dadurch auch dazu. Und jeder entscheidet für sich, ob es einen schwächer oder stärker macht. Entscheide dich für stärker! Und wie gewinne ich den Ex zurück – vorausgesetzt er ist noch Single? SENNA: Du musst glücklich sein und gedanklich nicht an ihm festhalten. Frauen, die glücklich, erfolgreich und zufrieden sind, wirken sehr anziehend auf einen Mann. Das ist das Geheimnis. Du musst einfach dein Leben weiterleben. Die beste Rache ist Erfolg. Ich rede nicht von materiellem Erfolg. Sondern von Erfolg im Sport, im Job, im Leben. Wenn eine Frau ausstrahlt, dass sie glücklich, erfüllt ist und niemanden braucht, wirkt sie automatisch sexy und weckt den Jagdinstinkt des Exfreundes. Er will zurück. Das funktioniert, garantiert. Stand-up-Comedy, Gesangs- und Tanzeinlagen – was erwartet die Besucher noch in deiner Show? SENNA: Sie ist wie ein modernes Theaterstück mit viel Motivation und Glückshormonen. Am Ende gehst du mit einem sehr guten Gefühl nach Hause. Ich zeige, wie du dein Leben nicht veränderst, sondern es besser gestaltest. Ich finde es immer schlimm, wenn Menschen sagen: Das kann ich und das kann ich nicht. Das gibt es nicht. Ein Mensch kann alles. Nur das eine kann er gut, das andere kann er nicht so gut. So muss man es betrachten. Wir müssen positiv sein. Liebeskummer ist ein Arschloch, eine Krankheit, die nur mit positiven Vibes geheilt werden kann. Das klingt, als ob viele persönliche Erfahrungen eingeflossen sind. SENNA: Denken viele. Aber ich habe auch viele Freunde, deren Geschichten in die Show einfließen. Ich bin nicht nur eine gute Rednerin, sondern auch eine gute Zuhörerin. Jeder fragt mich um Rat: mein engster Freundeskreis, meine Familie, meine Community, fremde Menschen auf der Straße, die mich einfach ansprechen. Ich bin immer die Ratgeberin, ich muss es immer regeln, das ist so, seit ich denken kann. Und wenn mich jemand um Rat fragt, ist das so, als ob mir jemand einen Louis-Vuitton-Schuh kaufen würde: Ich bin dann voller Stolz, weil diesem Jemand mein Rat, meine Weisheit, so wichtig ist. Dafür nehme ich mir dann Zeit, höre zu und gebe einen Tipp, den ich mir auch selbst geben würde. Ist Liebeskummer denn weit verbreitet? SENNA: Hm, leider. Pass auf: Liebeskummer fängt bei manchen schon dann an, wenn Er nicht anruft oder schreibt. Es ist so krass in der heutigen Zeit. Ich finde, Social Media macht das Liebesleben kaputt, durch diese Kontrollmöglichkeit – wer folgt wem, wer liked was – und dass man das alles sehen kann. Schnell malt man sich im Kopf aus: Oh mein Gott, jetzt hat Er dieses Bild geliked, hat das was zu bedeuten? In der Show versuche ich, humorvoll zu zeigen, wie dumm wir alle sind, dass wir uns davon beeinflussen lassen. Aber wir neigen dazu, uns in etwas reinzusteigern. Das hat auch mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun. Wenn du Selbstbewusstsein hättest, hättest du auch Selbstwertgefühl. . . . und würdest nicht zweifeln. SENNA: Genau, das würdest du nicht. Selbstbewusstsein ist sehr wichtig, um Liebeskummer zu vermeiden oder zu bekämpfen. Denn Liebeskummer ist wie eine Kettenreaktion. Läuft es in der Liebe nicht gut, läuft es nirgendwo gut. Du bist zu sehr abgelenkt, hast keinen Bock auf gar nichts, die Motivation fehlt. Ich möchte gerne allen zeigen, wie es ist, erfolgreich im Leben zu sein. Und dass Erfolg bei jedem selbst anfängt. Ist denn Liebeskummer ein Frauending? SENNA: Nein, ich kenne viele Männer, die Liebeskummer haben. Sie gehen aber anders damit um: Sie zeigen es nicht. Das Problem: Wenn ein Mann von einer Frau verletzt wird, entwickelt der sich zum ekelhaften Fuckboy. Dann ist irgendetwas in ihm zerstört worden. Er kann nicht mehr richtig lieben und will nur noch sein Leben leben. Wir Frauen hingegen, wir leiden richtig und lange. Wir wollen es der ganzen Welt mitteilen. Wie kommt es, dass du erst eine Monrose-Sängerin warst – und jetzt als Expertin in Liebesfragen auftrittst? SENNA: Es gab einen Knackpunkt in meinem Leben. Da befand ich mich in einer schwierigen Lebenssituation. Privat gab es einen Krankheitsfall in meiner Familie, der mir sehr zu schaffen gemacht hat. Auch weil ich Ängste hatte, diesen Menschen zu verlieren. Dann kam die Trennung von Monrose dazu, die ich gar nicht wollte, aber Mandy und Bahar wollten sie. Und mein Partner, den ich wirklich sehr geliebt habe, ist mir fremd gegangen. Er hat mich für eine andere verlassen, die mir noch nicht einmal den Finger reichen konnte. Ich war am Ende. Und ich habe einfach all meine Gefühle aufgeschrieben. Irgendwann konnte ich sogar darüber lachen. Was war denn daran witzig? SENNA: Wenn ich daran denke, wie ich mich dem Liebeskummer hingegeben habe, wie ich ausgesehen habe . . . (lacht) Ich sah so scheiße aus . . . Ich hatte 15 verschiedene Eissorten zuhause, ich habe bei Filmen wie „Dumbo" geweint, ich habe Männer einfach gehasst. Beim Shopping habe ich Geld für Sachen ausgegeben, die ich nie anziehen würde. Ich habe mir fünfmal die Haare gefärbt. Ich habe alle Klischees erfüllt, alle! Auch die, die man nur aus Filmen kennt. Das alles habe ich aufgeschrieben, dann habe ich angefangen, Kurzvideos darüber zu drehen und habe sie gepostet. Anfangs wurden sie belächelt, dann haben sie Gehör bekommen. In den meisten Fällen von Frauen und Homosexuellen. Und die Männer? SENNA: Männer haben mich zuerst komplett falsch verstanden und gedacht, ich hasse alle Männer. Nein! Ich hasse nur Fuckboys. Langsam werden es mehr Männer, die meine Shows besuchen. Weil sie ja auch ihre Ex, ihre Freundin oder überhaupt Frauen verstehen wollen. Ich spreche einfach etwas aus, was andere Frauen sich nicht trauen. Und es kommen so viele Fragen von Fans. Die kann ich gar nicht alle beantworten. Will ich aber. So entstand die Liveshow. Nach der Musik was Neues wagen – da gehört auch Mut dazu. SENNA: Ja, Mann, viel Mut. Ich hatte Angst, wirklich Angst. Weißt du, Julia, die Frage, die ich mir am meisten stelle, ist: Meinst du, sie werden es mögen oder lieben? Meine größte Angst ist, dass ich mein Publikum enttäusche. Ich gebe mir ganz viel Mühe mit meinen Projekten. Wenn nur einer kommt, dem die Show nicht gefällt, der würde mir das Herz brechen, weil ich so viel Liebe reingepackt habe. Deine Fans lieben dich für deine witzige, schlagfertige und laute Art – aber du polarisierst durchaus auch mit dem, was du sagst oder wie du es sagst. Stört dich das? SENNA: Nein. Laut ist super. Es kann natürlich negativ gesehen werden, aber auch positiv. Ich sehe es so: Ich brauche kein Mikrofon. (lacht) Ich werde gehört. Es ist schlimmer, wenn du nicht gehört wirst. Weißt du, wie schlimm und einsam das ist? Ich werde gehört, der eine mag das, der andere nicht. Aber ich habe aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen. Ich beschäftige mich mit Dingen, die positiv und schön sind. Dann zieht man auch nur Positives und Schönes an. Hunderttausende folgen dir bei Facebook, Instagram und Snapchat, du wirst als Social-Media-Queen betitelt – wie wichtig ist Social Media für dich? SENNA: Sehr wichtig. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche beschäftige ich mich damit. Die sozialen Netzwerke sind mein Büro: Ich verkaufe dort Karten, ich sage dort, was ich denke, ich präsentiere das, was ich cool oder nicht cool finde. So wie ich mich am Tag fühle, so zeige ich mich auch bei Instagram, Facebook und Snapchat. Social Media ist nicht nur mein Job, es gehört einfach dazu. Ich bin der Producer meiner eigenen Reality-Show. Ich bestimme, was die Leute sehen dürfen und was nicht. Gibt es auch Schattenseiten? SENNA: Ja klar. In Deutschland wird Kritik immer mit Beleidigungen verwechselt. Das ist traurig. Ich sehe in Ausdrücken wie „Hure" oder „Assiweib" keine Kritik. Ich bin das nicht. Ich verkaufe nicht meinen Körper, sondern mein Wissen. Und ein „Assiweib" kann ich auch nicht sein. Ich bin sehr sozial, ich zahle meine Steuern, ich habe eine Wohnung, ich bin unabhängig und folge den Regeln, die mir in diesem Land vorgegeben werden...

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