"AfD - Bekämpfen oder ignorieren?" heißt das Buch zur Landtagswahl 2017, das im Kellner Verlag erschienen ist. - © Björn Vahle
"AfD - Bekämpfen oder ignorieren?" heißt das Buch zur Landtagswahl 2017, das im Kellner Verlag erschienen ist. | © Björn Vahle

Literatur Buchkritik: "AfD - Bekämpfen oder ignorieren"

14 Demokraten meinen und analysieren zur Alternative für Deutschland. Wo sie Ersteres lassen, entfalten sich die Stärken des Letzteren

Björn Vahle

Bielefeld. Wie beantwortet man Fragen? Man bildet sich und findet die Antwort heraus. Oder fragt jemanden, der es besser weiß. Wie beantwortet man garantiert keine Fragen? Indem man 14 Menschen fragt, die auch nur mutmaßen, und bringt ihre Antworten als Buch heraus. So geschehen in "AfD - Bekämpfen oder ignorieren?". Darin geben laut Untertitel 14 Demokraten intelligente Antworten. Das stimmt, die Antworten sind intelligent. Und leider so erwartbar gefärbt, wie es die politische Heimat ihrer Urheber vermuten lässt. Aber von vorn. Als Entscheidungshilfe gedacht Das Werk wird vom Kellner Verlag als Entscheidungshilfe zur Landtagswahl vorgestellt. Dafür haben die Herausgeber so namhafte Autoren wie Dietmar Bartsch (Die Linke), Elmar Brok (CDU), Anton Hofreiter (Die Grünen), sogar Franz Müntefering (SPD), Charlotte Knobloch (ehemals Zentralrat der Juden) und Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime) zusammengeführt. Doch oft liefern die erstaunlich plattgesessene Antworten: "Nicht mit der AfD in die politische Debatte [...] zu gehen, ist [...] grundfalsch", schreiben beispielsweise Gesine Agena und Anton Hofreiter von den Grünen. Riesenidee - nur lehnen ihre und andere Parteien in den meisten deutschen Bundesländern Koalitionen mit der AfD bisher ab. Ihre Stärken haben die Analysen und Meinungen dort, wo sie erst analysieren und dann meinen. Wo die AfD sachlich ihrer lächerlichen Thesen überführt wird. Wo sie sich selbst entlarvt. Oder, wie Katja Suding (FDP) schreibt: "Man muss ihren Wählern und allen Wahlberechtigten des Landes zeigen, dass in diesem Lager oftmals wenig politischer Sachverstand und keinerlei Substanz versammelt ist." Starke Momente in der Analyse Zum Beispiel schreiben Agena und Hofreiter an anderer Stelle darüber, dass die AfD sich zwar als Fürsprecher der "Mittel- und Geringverdiener" präsentiert, von ihren geplanten Steuersenkungen für Reiche aber genau diese Gruppe belastet würde. Denn gekürzt werden soll im Bereich Soziales, Rente und bei öffentlichen Leistungen. So geht Analyse. Spannend ist auch die Passage, in der Aiman Mazyek vom Treffen mit der AfD berichtet. Zu dem hatte der Zentralrat der Muslime Spitzenvertreter um Frauke Petry im Mai 2016 gebeten. Sie entlarvt die politische Berechnung, mit der die AfD dem Treffen erst zustimmt, dann aber auf Bedingungen für das Gespräch pocht. Der Zentralrat sollte sich von Vergleichen der AfD mit den Nazis distanzieren. Das ließ das Gespräch nach knapp einer Stunde scheitern. Quintessenz aus AfD-Sicht: Wir wollten ja, aber die nicht. Dabei, so beteuert Mazyek, habe aufseiten des Zentralrats aufrichtiges Interesse an der Politik, Rentenplänen und der Abneigung der AfD gegenüber Muslimen bestanden. Vor diesen Fragen drückte sich die AfD und verkaufte das noch als Sieg. Ein Schema, nach dem die Partei bis heute agiert. Fazit "AfD - Bekämpfen oder ignorieren?" will keine Antwort auf die natürlich rhetorisch gestellte Frage liefern. Darauf ruhen sich aber zu viele der Autoren aus. Hinzu kommt die leichte Arroganz, die nicht nur in den "intelligenten Argumenten" des Untertitels mitschwingt, sondern auch im fortwährenden Wundern, wie zum Geier es zu all dem kommen konnte. An zu vielen Stellen wird da der Geist dessen spürbar, was auch Donald Trump ins Amt geholfen hat. Zwar warnen die Autoren durchweg vor der Gefahr, die die wachsende Distanz zwischen Politik und Bürgern darstellt. An vielen Stellen verkörpern sie allerdings auch, wie diese zustande kommt. Nämlich durch die Annahme, ständig im Recht zu sein. Ein Hilfebuch für Wähler, so nobel seine Ziele sein mögen, kann unter solchen Voraussetzungen nur scheitern. Wer wirklich etwas mitnehmen will, muss systematisch nach den treffenden Analysen suchen, die durchaus angeboten werden. Die Meinung, die der Titel vorgibt, kann man sich vor der Lektüre denken. Es sind die rationalen, nicht die emotionalen Momente, die dieses Werk an einigen Punkten lesenswert machen.

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