In Zeiten von Trump wird nicht nur George Orwells Buch "1984" derzeit wieder stark nachgefragt. - © picture alliance / Photoshot
In Zeiten von Trump wird nicht nur George Orwells Buch "1984" derzeit wieder stark nachgefragt. | © picture alliance / Photoshot

Literatur Dank Donald Trump: Diese Bücher werden momentan stark nachgefragt

Seit der US-Präsident im Amt ist, sind Dystopien und Schreckensszenarien mehr denn je nachgefragt

Julia Gesemann

Donald Trump, der selbst erklärte Bücherhasser und Nichtleser, als Literaturförderer? Das passt nicht zusammen. Aber ganz unfreiwillig sorgt der US-Präsident momentan dafür, dass zahlreiche literarischen Werke (auch jene, die schon in den hintersten Regalecken verstaubten) auf einmal mehr denn je nachgefragt und gelesen werden. Romane aus vergangenen Tagen landen plötzlich wieder auf den Bestsellerlisten, weil Leser sich Aufschluss über die neue Politik erhoffen. In vielen US-Magazinen, Blogs und Zeitschriften dieser Tage werden lange Leselisten veröffentlicht. Die dort zusammengestellten Bücher sollen helfen, die Präsidentschaft Trumps besser verstehen zu können. Die Menschen, die die derzeitigen surrealen Ereignisse nicht fassen können, suchen Halt in der Literatur - unter anderem in Dystopien, in düsteren Gesellschaftsvisionen. Ein Überblick über sieben Bücher, die derzeit in den USA empfohlen werden: 1. George Orwells "1984": Seit Wochen verkauft sich die Mutter aller Dystopien wieder sehr gut - nicht nur in den Vereinigten Staaten. Orwell (1903-1950) schrieb den Roman von 1946 bis 1948, veröffentlicht wurde er 1949. Der Brite beschreibt darin einen totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984, den eine Einheitspartei regiert und in dem Privatsphäre ein Verbrechen ist. Im Roman spielen neben der Komplettüberwachung auch die "alternativen Fakten" der Trump-Entourage eine Rolle. Der Schlüsselbegriff für jene falschen Behauptungen der Trump-Beraterin Kellyanne Conway. Kurz danach war das Buch bei Amazon und in vielen Buchhandlungen nicht mehr zu bekommen. Eilig wird es nun nachgedruckt und pendelt auf den Spitzenplätzen der Verkaufscharts hin und her. Viele fühlten sich durch die "alternativen Fakten" an Orwells "Neusprech" erinnert: Im Roman missbraucht die Parteidiktatur die Sprache, um Lügen zu kaschieren oder zu lancieren. George Orwell, 1984; Ullstein Verlag, ISBN 978-3548032535, 281 Seiten 2. Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd": Ebenfalls neu in den Verkaufscharts ist dieses Werk. Ebenfalls keine Neuerscheinung. Ebenfalls schon mehrere Jahrzehnte alt (32 Jahre sind es genau). Atwood erzählt von einer Zukunftsgesellschaft, in der religiöse Fundamentalisten aus den USA eine Diktatur gemacht und eine demütigende Ungleichstellung der Frauen durchgesetzt haben. In den vergangenen Monaten wurden von der englischen Ausgabe 125.000 Stück nachgedruckt, seit Trumps Amtsantritt sind die Verkaufszahlen um 200 Prozent gestiegen. Irgendwie logisch, da der US-Präsident immer wieder durch abschätzige Sprüche gegen Frauen aufgefallen ist. Und besonders eine Äußerung sorgte für Furore: "Wenn du ein Star bist, dann lassen sie dich. Du kannst alles machen, ihnen an die Pussy fassen. Alles." Margaret Atwoods, Der Report der Magd; Piper Taschenbuch; erscheint am 3. März 2017 in einer Neuauflage; 416 Seiten; ISBN: 978-3492311168 3. Sinclair Lewis’ „It Can’t Happen Here – Das ist bei uns nicht möglich": Aus sehr viel tieferer Versunkenheit ist dieses Buch aus dem Jahr 1935 zurück in die Verkaufscharts gestiegen (Platz 33 der Amazon-Buchcharts): die Geschichte eines Populisten, der mittels freier Wahlen in den USA an die Macht kommt, aber dann nach dem Vorbild des deutschen Faschismus die Demokratie im Nu entkernt und eine Diktatur errichtet. Sinclair Lewis, It Can't Happen Here; Mass Market Paperback published by Signet; 416 Seiten; ISBN 978-0451465641 4. Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft": Auch die Verkaufszahlen des Sachbuchs "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" der deutsch-amerikanischen Publizistin und Theoretikerin Hannah Arendt sind gestiegen. 1951 veröffentlicht, ist das Buch (im Original: "The Origins of Totalitarianism") einer der großen Klassiker politischer Theorie. Arendt beschreibt darin die Entwicklung des Antisemitismus im 18. und 19. Jahrhundert, das Aufkommen des Rassismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert und erstellt eine Theorie des Totalitarismus. Im Kern der knapp 600 Seiten steht die Frage: Wie kann und wie konnte es soweit kommen? In den USA war "The Origins of Totalitarianism" seit Donald Trumps Amtseinführung bei Amazon zeitweise vergriffen. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft; Piper Taschenbuch; in Kürze wieder lieferbar; 1.024 Seiten; ISBN 978-3492210324 5. Philip Roths "Verschwörung gegen Amerika": Mit seinem Werk aus dem Jahr 2004 (im Original: "A Plot Against America") hat sich der Auto als Prophet erwiesen. Die geschilderten Ereignisse ähneln verstörend denen der Machtergreifung Trumps. So wird im Jahr 1940 Charles Lindbergh anstelle von Franklin D. Roosevelt US-Präsident. Der Lindbergh, der als erster Mensch allein im Flugzeug über den Atlantik flog. Der perfekte Präsident für die damalige Medienwelt. Was für Trump in der Realität Twitter ist, ist für Lindbergh im Buch das Radio und die Zeitschriften. Im Buch enthalten ist auch die Angst einer Minderheit vor der Ausgrenzungspolitik des charismatischen Führers (Fiktion: die Juden, Realität: die Muslime) - und "America First". Dieser Slogan findet sich bereits in diesem Buch wieder. Philip Roth, Verschwörung gegen Amerika; Hanser Verlag; 432 Seiten; ISBN 978-3446206625 6. John Feffers "Splinterlands": Erst Ende 2016 erschienen, ist dieses Buch bislang nur in der englischen Version erhältlich und derzeit in den USA sehr gefragt. Feffer lässt den Leser mit seiner Dystopie in das Jahr 2050 blicken. Die Europäische Union existiert nicht mehr, Supermächte wie Russland und China sind zerfallen, der Nationalismus regiert, die USA gibt es nur noch auf dem Papier, der Klimawandel ist ungebremst. John Feffer, Splinterlands; Haymarket Books; 130 Seiten; ISBN 978-1608467242 7. Philip K. Dicks "The Man in the High Castle": 1962 erschienen (auf deutsch: "Das Orakel vom Berge") hat der US-Amerikanische Schriftsteller eine Alternativweltgeschichte und Dystopie zu Papier gebracht, die im selben Jahr in einer fiktiven Gegenwart spielt. Das Dritte Reich und Japan haben die USA besiegt und unter sich aufgeteilt. Wie sähe ein großer Teil der USA unter Nazi-Herrschaft aus? Das Buch liefert Antworten. Mittlerweile gibt es schon zwei Staffeln der gleichnamigen Amazon-Serie, eine dritte ist in Planung. Philip K. Dick, The Man in the High Castle; Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3596905621; 272 Seiten

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