Engagiert: Die vielfach ausgezeichnete Autorin Marlene Streeruwitz in ihrem Haus in Wien. - © dpa
Engagiert: Die vielfach ausgezeichnete Autorin Marlene Streeruwitz in ihrem Haus in Wien. | © dpa

Interview Autorin Marlene Streeruwitz: "Trump macht Politik zur Reality-Show"

Die Gastdozentin der Universität Paderborn, über Politik und Ästhetik, Freiheit und Demokratie sowie Texte, die aus Notwendigkeit und mit Vergnügen zertrümmert werden

Holger Kosbab

Frau Streeruwitz, Ihre Gastdozentur trägt den Titel „Frozen I-V. Theorie und Praxis der Romane in der Digitalität." Das klingt durchaus mysteriös. Klären Sie uns auf über eine gefrorene Prosa,vielleicht auch eine erkaltete Gesellschaft, die in weiten Lebensbereichen von Nullen und Einsen bestimmt wird. Sind Politik und Ästhetik untrennbar? Marlene Streeruwitz: Wenn Sie mit Ästhetik auch die Frage verbinden, was das Richtige ist, dann ja. In Ihrem jüngsten Roman „Yseut." schicken Sie die gleichnamige Protagonistin auf eine Reise nach Italien. Es ist ein Trip in die Vergangenheit und ein Europa, das geprägt ist von Angst und Überwachungsszenarien. Ist das Ihr Europa oder unser Europa? Streeruwitz: Es ist im Augenblick gerade sehr schwierig, die Realität auf die jeweiligen Ursachen zurückzuführen. Diese Tatsache ist schon ein Grund, sich nicht sicher zu fühlen. Die digitale Revolution hat ja Möglichkeiten der Steigerung von Bürokratie und Kontrolle mit sich gebracht, die unsere Leben am Grund betreffen, zu denen wir aber nie unsere Zustimmung gegeben haben. Das Europa, in dem wir heute leben, ist durch die Bankenkrise 2007 gezeichnet und wir mussten erleben, dass wir als Bürgerinnen und Bürger zur Kassa gebeten werden für etwas, wozu wir auch nicht unsere Zustimmung gegeben haben. Das ist nicht anders als im 19. Jahrhundert, als sich halt ein paar Fürsten dazu entschlossen, mit dem Geld der Bürger Kriege anzuzetteln. Von da weg ist einmal mehr und erneut über Demokratie nachzudenken. Sie sind eine extrem politisch engagierte Autorin und haben sich wiederholt zur rechtspopulistischen FPÖ in Österreich geäußert. Mit der FPÖ erleben Sie dabei seit vielen Jahren das, was auch in Frankreich und in den Niederlanden längst Teil der politischen Landschaft ist und was mit der AfD auch in Deutschland einbricht. Streeruwitz: Wenn extrem politisch heißt, das vertragstheoretische Modell der Demokratie gegen völkische Staatsmodelle zu verteidigen, dann stimmt diese Bezeichnung. Für mich geht es um die Freiheit und Würde der Person, wie sie nur in der Demokratie gewährleistet werden kann. Die Frage ist doch hier, sollen Personen über ihr Leben entscheiden können oder durch die Geburt in ein Schicksal geworfen sein. Die Staatsmodelle, die sich über ein Eingeborensein definieren, legen die Leben mit der Geburt ein für allemal und unveränderlich fest. Im übrigen halte ich das alles für ein letztes Aufbegehren autoritär patriarchalen Denkens, dem viele ohnehin nur in einzelnen Aspekten zustimmen. Wir leben alle längst anders. Und was ist mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump, zu dem Sie sich wiederholt geäußert haben? Ist es ein vergleichbarer Rechtsruck? Streeruwitz: Vergleiche kommen mit diesen Entwicklungen nicht zurecht. In den USA findet gerade eine Revolution statt, und der Vorsprecher Trump hat die Politik in eine Reality-Show im TV verwandelt. Die Politik der republikanischen Partei ist hasserfüllt und hat die bisher geltenden Vereinbarungen verlassen. Das ist die Revolution und sie ist von Rassismus und Sexismus geleitet. Gleichheit und Gerechtigkeit sind für Sie, nicht nur aus feministischer Sicht, wichtige Errungenschaften. Droht das Ende dieser Werte? Streeruwitz: Nicht, wenn wir sie nicht aufgeben. Oder anders. Nur, wenn wir das zulassen. Schon in „Nachkommen", worin sie den Literaturbetrieb sezieren, arbeiten sie selbstreflexiv. Etwas, das Sie in „Yseut.", einem Abenteuerroman in 37 Folgen, weiterführen und was schon im Klappentext mit „Anstelle einer Autobiographie" eingeleitet wird. Streeruwitz: Glücklicherweise haben die Zeiten sich eben wirklich geändert und ich muss nicht mehr mit einer Abwertung rechnen, wenn es meine – weibliche – Person ist, die als Urheberin zur Erscheinung kommt. Das war noch in den 90er Jahren anders. Auf der anderen Seite gibt es heute Stimmen, die Frauen wieder vollkommen aus der Öffentlichkeit verbannen wollen. Der Kampf geht also weiter. In Ihren Romanen wie „Verführungen", „Nachkommen" oder „Yseut." muss sich der Leser erst einmal an den Stakkato-Stil gewöhnen mit kurzen Sätzen und oft in Kleinsteinheiten portionierten Inhalten, die sich zu einem facettenreichen Ganzen zusammenfügen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit immer wieder erhöht, ein Wegdriften durch bloßes Überfliegen verhindert. Streeruwitz: Die Bezeichnung Stakkato ist von einem sehr missgünstigen Kritiker erfunden worden. Man oder frau könnte auch Beat dazu sagen. Es geht um Rhythmus und im Grunde handelt es sich um eine lyrische Sprache, die dem Leser und der Leserin größtmöglichen Eigenraum zugesteht. Literatur soll eine besondere Sprache herstellen. Im übrigen geht es auch um Schönheit. Sie betonen, dass jedes Projekt und damit jeder Text eine eigene Sprache benötigt. Form follows function, die Gestalt folgt der Funktion – wie in der Natur? Streeruwitz: Jeder Text ist auch eine Skulptur. Die Geschlossenheit einer Form wird nur über eine formale Logik des Inneren hergestellt. Ich möchte das nicht mit der Natur vergleichen. Es geht um die besondere Realität der jeweiligen Erzählfigur, die eben nur in einer besonderen Sprache vermittelt werden kann. Sonst könnte ich Ihnen eine Fotomontage vorlegen und sagen, das ist der Roman. Ihr Schreiben ist durchzogen von Verweisen auf die Literaturgeschichte und Zitaten. Doch dann demontieren Sie das mit Genuss für den Leser wie beispielsweise in „Bagnacavallo", worin Shakespeares „Romeo und Julia" mit Ironie, düsterem Humor und starker Gesellschaftskritik regelrecht zertrümmert wird. Genauso heben Sie traditionelle Gattungsgrenzen auf. Mit Vergnügen? Oder aus Notwendigkeit? Streeruwitz: Aus Notwendigkeit, aber mit Vergnügen. Ich lasse mich nicht davon belasten, dass ich gerade jetzt lebe, aber ich nehme den Kampf mit der Geschichte vor mir auf, die noch nie zu einem würdigen Leben für alle geführt hat.

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