Am Ende mit sich im Reinen: Schriftsteller Martin Walser. - © dpa
Am Ende mit sich im Reinen: Schriftsteller Martin Walser. | © dpa

Kultur Martin Walser und die Narrenfreiheit: Sein neuer Roman "Statt etwas oder Der letzte Rank"

In seinem neuen Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank" blickt der Schriftsteller sinnreich und sprachgewaltig zurück

Welf Grombacher

Berlin. Was haben Martin Walser und Elena Ferrante gemeinsam? Ihre Romane eröffnen in diesem Monat den Bücherfrühling 2017. Den Anfang macht der Nestor der deutschen Literatur, der vor Kurzem durch die Mitteilung überraschte, dass er bei den US-Wahlen für Donald Trump gestimmt hätte („Der war einfach besser"). Morgen erscheint der Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank". Ein Mann jongliert mit drei Bällen. Er weiß, wenn er aufhören würde, fallen die Bälle, fällt auch er. Ohne Jonglieren kann er dieses Leben nicht aushalten. Doch kann er das Jonglieren auch nicht ewig fortsetzen. Längst tut ihm alles weh. Trotzdem hofft er noch. Auf was? Dass ihm ein vierter Ball zugeworfen wird, so zugeworfen, dass er die drei anderen fallen lassen könnte. Seine Sehnsucht ist zu spielen. „Schönstens und endlos." Dieses Bild aus Martin Walsers neuem Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank" trifft es ganz gut. Im März wird der Großschriftsteller vom Bodensee 90 Jahre alt. Trotzdem ist er so produktiv wie nie. Was hat einem dieser Mann mit seinen sonderlichen Altersromanen in den vergangenen Jahren zugemutet! Mit seiner unsagbaren (Selbst-)„Inszenierung" eines „Muttersohnes" und „Sterbenden Mannes" in mehr als „dreizehn Kapiteln". Schreiben war da manches Mal Selbstzweck und bereitete dem Autor mehr Freude als dem Leser. Der neue Roman ist anders. Endlich wieder ein gutes Buch von Martin Walser! Er erinnert an den Abschluss seiner faszinierenden „Meßmer-Trilogie" vor vier Jahren, der ein Lichtstreifen am Horizont der späten Jahre war. Noch einmal vollzieht hier einer die Kehrtwende, erfindet sich im hohen Alter neu. Hier dekonstruiert sich ein Schriftsteller, versteckt sich hinter schonungsloser Offenheit, spielt mit seinen Identitäten und hält ein Zwiegespräch mit sich selbst. Immerzu stellt sich die Frage, was Maske ist und was autobiografisch fundiert. Das erste Drittel, das von der Initiation eines Schriftstellers handelt, liest sich fast, als hätte Peter Handke es geschrieben. Wie sich da aus sich selbst heraus ein eigener Kosmos konstituiert, ist beeindruckend. Sinnreich und sprachgewaltig blickt da einer zurück, der kein Blatt mehr vor den Mund nehmen muss, die Narrenfreiheit im Alter voll auskostet. Als junger Mensch von der „Erzverführung" getrieben, etwas genau wissen zu wollen, seien die „Verführungsfeuerwerke der Theorien" mittlerweile erloschen, schreibt er. Nichts spreche mehr gegen Wunder. „Zu träumen genügt." Selbstironisch rechnet Walser mit den Kritikern ab, die seine Bücher, wie sie vorgeben, nur noch lesen, weil sie hoffen, es sei mal wieder ein gutes dabei. In Wahrheit aber wollten sie sich mit ihren Verrissen nur selbst profilieren. Der Ton, den Martin Walser dabei anstimmt, ist nie bösartig, immer versöhnlich. Altersmilde möchte man fast sagen. Mit Nietzsche und Hegel rüstete er sich für die Welt. Mehr Trost aber fand er bei den Frauen, die er einfach lieben muss („Ich liebe alle Frauen der Welt"). Das ganze „Treue-Brimborium" hält er dabei nur für die „kulturelle Verbrämung einer barbarischen Strafroutine", der er entgegenhält: „Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit." Walser lässt es noch einmal krachen, lebt seine Fantasien aus. Nachdem er sich als Schriftsteller die völlige Freiheit erkämpft hat, verfällt der Mittelteil des neuen Buches mit seinen skurrilen Geschichten und all den umschmeichelten Damen, die man aus Walsers letzten Romanen kennt, wieder in alte Muster. Am Ende aber kommt er immer wieder bei sich selbst an. „Ich wollte mir nicht verloren gehen", schreibt er und gibt sich ebenso selbstkritisch wie egomanisch. „Jeder hängt an sich. Also ich auch." Walser gibt sich als Zentrum der Schöpfung und erfährt dadurch, eitel wie er ist, eine gewisse Rechtfertigung. „Ich bin, also bin ich", konstatiert er zum Schluss ganz mit sich selbst im Reinen.

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