Kristines Krimikiste Popliteratur mit blutigem Einschlag

Kristine Greßhöner

Bielefeld. Einem Hasen, eventuell einem Kaninchen, schlitzt die seltsame Frau die Kehle auf. Später weidet sie das Tier aus. Ein Junge mit verschmiertem Gesicht sieht ein imaginäres Pferd. Er nennt es Silver. Dieses Buch von Sam Millar gilt als sein Hauptwerk - ein beängstigender Titel. Der opulenten und sprachlich extrem kreativen Erzählung wird er aber gerecht. Millar, Jahrgang 1955, laut Verlag der Kopf hinter einem der größten Raubüberfälle der Geschichte, lebt heute in Belfast. Dieser Band handelt nicht von seinem irischen Privatermittler Karl Kane. Es ist Millars eigene Vita und beginnt mit der Ichperspektive des Jungen, der Selbsttötungsversuche seiner Mutter miterleben musste. Ein Spannungsroman im eigentlichen Sinne ist dies nicht. Doch was könnte es Großartigeres geben, wenn ein Buch mit einer FBI-Jagd endet? Zum Schluss gelingt Millar, was sonst keiner kann: eine vierseitige Danksagung mit Esprit. Sam Millar, "True Crime", 416 S., Atrium, 2015, 19,99 Euro. Was für ein Unsympath, welch Charakterstudie! Cecil Scott Forester wurde 1899 in Kairo geboren und starb 1966 in Kalifornien. "Grausame Schuld" erschien 1926. Die Geschichte um den verschuldeten Bankangestellten und Familienvater William Marble wirkt dennoch zeitlos. Da er derart unsympathisch, unglücklich und skrupellos daherkommt, wird man beim Lesen nervös und verspürt Wut im Bauch. Eines Abends, das ist der Ausgangspunkt, taucht nämlich überraschend ein Neffe aus Australien mit reichlich Bargeld auf. Sie ahnen es: Besagter Neffe wird das Haus nicht mehr lebend verlassen. C. S. Forester, "Grausame Schuld", 240 S., dtv, 14,90 Euro. Helen FitzGerald kultiviert vulgäre Begriffe. Auch in "Ex", dem der Verlag auf dem Cover eine Garten- oder Geflügelschere verpasst hat. Die Story: Als Ein-Frau-Junggesellinnenabschied will Catriona, genannt Cat, nicht nur ihre Ex-Freunde treffen. Sie will mit jedem noch einmal ins Bett. Am nächsten Tag sind die Männer tot. Cat aber kann sich an nichts erinnern. Die Autorin, 1966 in Australien geboren, ist bekannt für ihre boshaften Frauengeschichten. So war "Furchtbar lieb" von 2010 bereits ein Highlight. "Ex", Popliteratur mit blutigem Einschlag, lebt von dem schrägen Setting. Es geht um den Alltag in der Haftanstalt, es geht um die Vorgeschichte der Taten, es geht um ein Buch über Cats Leben, das eine Reporterin nach Gesprächen verfasst hat. Bissig, böse, FitzGerald. Helen FitzGerald, "Ex", 140 S., Galiani, 14,99 Euro. Kristine Greßhöner ist Volontärin der Neuen Westfälischen und Krimikennerin mit eigenem Krimi-Podcast krimikiste.com.

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