Literatur Frische Tipps aus Kristines Krimikiste

Kristine Greßhöner

Wer eine Schwäche für literarische Häppchen hat, aber auch wer sonst eine Abneigung verspürt, wird dieses Buch lieben. Sandra Lüpkes und Jürgen Kehrer, er der Erfinder des Münsteraner Privatdetektivs Georg Wilsberg, haben als Herausgeber 21 Autoren beauftragt – alles alte Hasen. Friedrich Ani ist mit dabei und sein bedächtiger Ermittler Tabor Süden, Jutta Profijts Pascha unkt herum (wer’s mag: ein ermittelnder Geist) und Georg Haderer kabbelt sich mit dem Protagonisten seiner Romane, Polizeimajor Schäfer (im Übrigen ein heißer Lesetipp aus Österreich). Köstlich, spannend, abwechslungsreich auf hohem Niveau! „Sie kriegen jeden. Die Liga der außergewöhnlichen Ermittler“, 352 S., dtv, 2015, 9,95 Euro. Ein Team geht getrennte Wege. Ja, tatsächlich – obwohl auf dem Buchcover zu lesen ist, dass Polizistin Carol Jordan und Profiler Tony Hill nun in ihrem achten Fall ermitteln. Serienfans wissen um die Spannungen zwischen den beiden. Kriegen sie sich, kriegen sie sich nicht, knistert es, knistert es nicht – ein endloser Konflikt. Ausgerechnet die Reibungen sorgen sonst für den Charme der britischen Thrillerreihe. Hier fehlen sie, dadurch erlebt dieser Band einen kleinen Dämpfer. Die gewohnt starken Frauen, die schonungslosen Details, die dichte Schreibe schaffen es nicht, dieses Vakuum zu füllen. Einsteiger sollten daher anfangen mit dem ersten Band „Das Lied der Sirenen“. Val McDermid, „Eiszeit“, 512 S., Knaur, 2014, 9,99 Euro. Weißrussland im Zweiten Weltkrieg. Die deutschen Besatzer begehen Massenmorde. Auch der Polizist Heinrich ist involviert, in der Rolle des Täters und des Ermittlers. Als ein SS-General ermordet wird, muss er den Täter finden. Ein Krimi vor dem Hintergrund des Krieges an der Ostfront, konsequent aus der Sicht der Täter erzählt von dem dänischen Autor Simon Pasternak. Brutal, beklemmend, aber zugleich hochliterarisch. „Tote Zonen“, 304 S., Knaus, 2014, 19,99 Euro. Ein ICE, der sich Gedanken macht über das Ende des Gleises. Darin: Ein dienstunfähiger Hauptkommissar, der sich Gedanken macht über eine Schlucht. Der immer wieder einen toten Jungen zu sehen glaubt. Der sich wie ein Ausgestoßener treiben lässt, vorbei an endlos vielen Bahnhöfen, einer trister als der andere. Franz Doblers vielgepriesene Geschichte ist kein klassischer Krimi. Sie ist die Schilderung einer endlosen Reise im Zug, dokumentiert Einblicke in eine Seele und ein verqueres Hirn, stellt die Frage nach Schuld und Unschuld. „Ein Bulle im Zug“, 347 S., Tropen, 2014, 21,95 Euro.

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