Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). - © picture alliance / Norbert Schmidt
Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). | © picture alliance / Norbert Schmidt

Meinung E-Sport ist "absolute Verarmung": Der DFB-Boss verkennt die Realität

Björn Vahle

Wenn man Reinhard Grindel zuhört, kann man den Eindruck gewinnen, der Fußball stünde nah am Abgrund. Der Grund: E-Sports. Das sei für ihn kein Sport, erklärte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes unlängst dem Weser-Kurier. Von den Plänen der Großen Koalition, professionelles Gaming als Sportart anzuerkennen, halte er nichts. Das für sich wäre eine Meinung, die man so haben kann. Doch Grindel sagte dem Weser-Kurier noch etwas: Dass sich mehr und mehr Jugendliche PCs und Konsolen zu und vom traditionellen Sport abwenden würden, bezeichnete er als "eine absolute Verarmung". Der Fußball sei nicht dazu da, der Unterhaltungsindustrie Steuervorteile zu verschaffen. E-Sport ist körperliche Höchstleistung Wenn man Grindel also so zuhört, könnte man meinen, der Fußball habe in absehbarer Zukunft ein existenzielles Problem. Es stimmt, viele Stadien sind, wenn nicht gerade die Bayern zu Gast sind, mittelmäßig gefüllt. Es mag sein, dass der eine oder andere Jugendliche den Nachmittag lieber an der Konsole als beim Sport verbringt. Aber Geld, und das weiß Herr Grindel ganz genau, wird im und mit dem Fußball noch immer genug verdient. Und das weiß Gott nicht zu Ungunsten des DFB. Aber der Reihe nach. Was Grindels Aussagen so verstörend macht, ist der sich aufdrängende Eindruck, dass da ein Sportfunktionär nicht verstanden hat, was Sport eigentlich ausmacht. E-Sportler, und nicht nur die, die Fifa spielen, müssen körperlich und mental topfit sein. Verwenden tausende Stunden des Trainings auf die Vorbereitung für Wettbewerbe. Und was glaubt Herr Grindel, woher die Popularität der Bundesliga in Asien rührt, die zu den hochdotierten Fernsehverträgen führt? Hochprofessionelle, gut bezahlte E-Sport-Teams in Südkorea kennen die Stars aus Deutschland nicht zuletzt aus der Fußballsimulation Fifa, für die es hier eine eigene Liga gibt. Der DFB selbst hat eine solche E-Sports-Liga ins Leben gerufen: die virtuelle Bundesliga. Die Branche erwirtschaftet in Deutschland knapp 40 Millionen Euro im Jahr. Unverständliches Konkurrenzdenken An all dem wird deutlich: Überschneidungspunkte gibt es zwischen dem Fußball und dem E-Sport massig. Und Bundesligavereine wie der FC Schalke, der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen haben bereits eigene E-Sports-Teams. Hier könnte der DFB fördernd ansetzen. Vereine mit E-Sports-Abteilungen halten ihre Spieler neben dem Training an der Konsole auch körperlich fit. Stattdessen macht der Verbandspräsident, der höchste Vertreter des deutschen Fußballs, eine Konkurrenzsituation auf, die auf Arroganz und dem veralteten Besitzanspruch aufbaut, irgendjemandem, in diesem Fall dem DFB, gehöre der Fußball. Mit dieser Einstellung wird Grindel sicher nicht mehr Jugendliche davon überzeugen, ihre Zeit statt an der Konsole auf dem Fußballplatz zu verbringen. Wie es diplomatischer geht, beweist da der E-Sportbund Deutschland. Dessen Präsident, Hans Jagnow, hat zumindest die Gefahr von selbst auferlegten Absolutismen erkannt: "Wo Herr Grindel politisch für die stärkere Förderung von Breitensport eintritt, hat er meine volle Unterstützung." Aber: "Sich digitaler Innovation kompromisslos zu verschließen, ist selten eine gute Idee, und ich kann davor nur warnen."

realisiert durch evolver group