Die designierte Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, hat nach einem Interview im ZDF heute-journal viel Kritik geerntet.   - © picture alliance / NurPhoto
Die designierte Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, hat nach einem Interview im ZDF heute-journal viel Kritik geerntet.   | © picture alliance / NurPhoto

München Flugtaxi statt Breitbandausbau: Bär erntet Spott und Häme im Netz

Nach einem Interview im ZDF heute-journal wird die Staatsministerin für Digitales für inkompetent gehalten

München (AFP). Dorothee Bär ist noch nicht einmal als Staatsministerin für Digitales vereidigt, da steht sie schon im Zentrum eines Shitstorms. Weil sie im "heute journal" statt über den in Deutschland unterentwickelten Breitbandausbau lieber über angeblich durch Digitalisierung mögliche Flugtaxis reden wollte, zog sich die Politikerin im Internet einigen Spott zu. Hier nochmal in Kürze. @DoroBaer mit „Themen, die uns wirklich beschäftigen sollten", wie der Möglichkeit sich mit einem #Flugtaxi fortbewegen zu können. pic.twitter.com/vk0UPxZrn0 — ZDF heute journal (@heutejournal) 5. März 2018 Im Interview mit Marietta Slomka vom ZDF heute journal betonte Dorothee Bär, dass ihr beim Thema digitale Infrastruktur eben auch wichtig wäre, ob man einmal autonom fahren könne. "Habe ich die Möglichkeit auch zum Beispiel mit einem Flugtaxi durch die Gegend zu können?", wirft sie ein. Die Reaktion der Moderatorin: Sie hätte lieber einmal schnelles Internet, bevor sie mit dem Flugtaxi durch die Gegend fahren würde. Und ähnlich sehen es Politiker und andere Internetnutzer, die Bär nun als inkompetent betrachten. Eine Auswahl an Tweets: Sitzen ein Schwede, ein Holländer und ein Deutscher im #Flugtaxi Einer hat kein schnelles Internet. — Ralph Ruthe (@ralphruthe) 6. März 2018 Na, ein #Flugtaxi haben wir in Wuppertal doch schon lange. #schwebebahn#wuppertal#deinnrwpic.twitter.com/gS5rYuUCCC — MeikeNordmeyer (@MeikeNordmeyer) 6. März 2018 Bevor man,wie @DoroBaer über #Flugtaxi o.#Autonomes Fahren schwadroniert,braucht's Grundversorgung in allen Regionen https://t.co/xtSCuBN0dn — Britta Haßelmann (@BriHasselmann) 6. März 2018 Die @DoroBaer hat grds. Recht: #Digitalisierung ist viel mehr als nur der bloße Anschluss von Glasfaser - aber Glasfaser muss man vor #Flugtaxi eben erstmal überall haben. Bei Basics ist noch viel zu tun für #Groko! Danach gern mehr #GermanMut zum groß denken. CL — Christian Lindner (@c_lindner) 6. März 2018 Mit dem Flugtaxi zur Telekom, weil das Internet nicht funktioniert. — Thomas Nowag (@Dagobert95) 6. März 2018 Wenn Sie… vom Hauptbahnhof in München… in Ihr #Flugtaxi… mit zehn Minuten… ohne, dass Sie am Flughafen einchecken müssen… dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen ... am ... am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug. pic.twitter.com/0jnEokSXxE — extra3 (@extra3) 6. März 2018 Schlanke Strukturen für Digitalisierung Für Bär, die ein sogenannter Digital Native ist und alle Vor- und Nachteile sozialer Netzwerke kennt, ist dies eine vermutlich erwartbare Reaktion. Mehr bewegen dürfte sie ihr womöglich begrenzter Einfluss. Als sie im Fernsehsender "Welt" eine Frage nach ihren Finanzmitteln und der Zahl ihrer Mitarbeiter im künftigen Amt beantworten soll, weicht sie schmallippig aus. "Es ist auch so eine typische Sache, dass wir uns in Deutschland um Strukturen streiten, wer hat so viele Mitarbeiter", sagte die Oberfränkin ohne eine konkrete Antwort zur Ausstattung des im Kanzleramt angesiedelten Aufgabengebiets zu geben. Grundsätzlich stellte sie zur Digitalisierung fest: "Das ist auch ein Thema, wo es schlanke Strukturen braucht" - sie stellt sich also offenbar auf wenige Mitarbeiter ein. Dazu kommt, dass am Ende Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) bei vielen Fragen das entscheidende Wort haben dürfte. Dass Bär einen öffentlich beachteten Platz in der Bundesregierung bekommt, scheint ohnehin eines der vordringlichen Ziele der CSU gewesen zu sein. Bär ist eine von nur noch acht Frauen der 46-köpfigen CSU-Landesgruppe. Dorothee Bärs Blitzkarriere Dass ihre Partei ein Frauenproblem hat, sagt sie selbst. Ursprünglich wurde sogar erwartet, dass sie deshalb das Entwicklungsministerium bekommt - nun bemühen sich alle in der CSU, ihr Amt möglichst wichtig aussehen zu lassen. Immerhin - da gibt es von keiner Seite Widersprüche - kennt sich die verheiratete Mutter von drei Kindern aus. Die am 19. April 1978 in Bamberg geborene Christsoziale erlebte und begleitete den sprunghaften Bedeutungszuwachs der Digitalisierung von Anfang an politisch. Schon mit 14 Jahren in die Junge Union und mit 16 Jahren in die CSU eingetreten, machte die Diplompolitologin eine Blitzkarriere. Sie zog bereits 2001 in den CSU-Bundesvorstand ein und 2002 im Zuge der Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers mit erst 24 Jahren in den Bundestag. Die aktuelle Legislaturperiode ist bereits ihre fünfte. Seit 2011 ist Bär Vorsitzende von CSUNet, dem Arbeitskreis Netzpolitik der CSU. Sie sagt, sie sei immer wieder belächelt worden, weil sie das Thema Digitales so in den Mittelpunkt rückte. Doch ihre Beharrlichkeit bringt der Dauer-Twitterin inzwischen auch die Anerkennung, sich auszukennen. So freut sich der Digitalverband Bitkom über die Berufung Bärs. Sie sei eine "ausgewiesene Kennerin der Materie", erklärt Verbandspräsident Achim Berg. Allerdings haben die Branchenexperten offensichtlich auch Zweifel, dass sie sich in dem über alle Ministerien breit verbreiteten Themenfeld Digitalisierung so ohne Weiteres wird durchsetzen können. Bitkom fordert für sie deshalb einen Digitalvorbehalt bei neuen Gesetzen, so wie das Finanzministerium einen Finanzierungsvorbehalt hat. Erst nach ihrer Vereidigung in der kommenden Woche dürfte sich genauer entscheiden, wie stark Bärs Einfluss wirklich wird. Sie habe "so viele tausend Ideen", sagt die im November mit einem allerdings enttäuschenden Ergebnis zur stellvertretenden CSU-Chefin gewählte Bär über sich selbst. Spätestens der Shitstorm zu den Flugtaxis dürfte ihr aber zeigen, dass die Deutschen statt Visionen zunächst ganz pragmatisch überall im Land schnelles Internet haben wollen.

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