Quer durch den Wald: Beim neuen Arcade-Offroad-Rennspiel "Gravel" geht's querfeldein. Den Reservereifen braucht man allerdings eher nicht. - © Gravel/Milestone
Quer durch den Wald: Beim neuen Arcade-Offroad-Rennspiel "Gravel" geht's querfeldein. Den Reservereifen braucht man allerdings eher nicht. | © Gravel/Milestone

Games & Netzwelt "Gravel" im Test: Launiger Offroad-Racer mit Luft nach oben

Christian Lund

Ladies and gentlemen, start your engines! Der italienische Spiele-Entwickler Milestone hat nach "Monster Energy Supercross" ein weiteres Rennspiel auf den Markt gebracht. In "Gravel" sitzt man am Steuer diverser Offroad-Boliden und wemmst durch die Landschaften. Wir haben das Spiel intensiv getestet. Die Spiele-Schmiede aus Mailand hat sich in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich der Motorrad-Rennspiele einen Namen gemacht (MotoGP, MXGP, Ride). Als ehemaliger Entwickler der Auto-Rally-Serie rund um die WRC (2010 - 2013) und des Rally-Spiels "Sébastien Loeb Rally Evo" (2016) tritt Milestone aber auch im Auto nicht gerade als Fahranfänger das Gaspedal durch. "Gravel" erlaubt es dem Spieler, mit einem von diversen Autos in vier Renndisziplinen anzutreten und sich mit der KI oder online mit realen Gegnern zu messen. Einen Splitscreen-Modus für das Sofa-Duell gibt es leider nicht - ein Manko aus unserer Sicht. Die diversen Autos allerdings muss man sich auch erstmal freispielen. Zu Anfang steht nur eine sehr begrenzte Auswahl zur Verfügung, was ok ist, wenn man damit Punkte machen kann. Mit einem Affenzahn an uns vorbei Damit kommen wir aber gleich zum Thema "Gummiband-KI". Wir haben unsere Karriere als neuer Offroad-Fahrer natürlich in der normalen Schwierigkeit begonnen und sind Rennen für Rennen schier verzweifelt, weil die Gegner, die wir gerade noch überholt glaubten, plötzlich mit einem Affenzahn an uns vorbeischossen. Klar, zu einfach will man's auch nicht haben, aber das war uns dann nach zwei Stunden Spielzeit zu viel. Um auch mal den Rausch des Sieges spüren zu können, haben wir kurzerhand die Schwierigkeit eine Stufe runtergestellt. Die Gummiband-KI aber funktioniert natürlich weiterhin, wenngleich auch nicht so hart wie auf den oberen beiden Stufen. Wer keine fehlerfreie Fahrt schafft, könnte wieder nur Auspuffe vor sich sehen. Aber Übung macht den Meister, und dann klappt's auch mit dem Siegertreppchen. Das Siegertreppchen ist wichtig, um im Karrieremodus voran zu kommen. Wobei der Karrieremodus nicht so fett ist, wie er klingt. Wer mit "Gravel" beginnt, gibt sich als erstes einen Spielernamen (wir haben uns für Bo „Bandit" Darville entschieden) und sucht das Land aus, für das man antritt (wir dann natürlich USA). Im Karrieremodus hat man dann eine ganze Reihe von Einzelrennen zu absolvieren, in denen man Punkte sammelt, um weitere Events und Autos freizuschalten. Bei den Autos folgt das übrigens einem Plan - und zwar dem der Entwickler, nicht des Spielers. Es ist also nicht möglich, auf ein besonders PS-starkes Gefährt hinzuarbeiten. Und ein Tuning ist auch nicht drin. Aber immerhin gibt es nach und nach mehr Lackierungen zur Auswahl. Wem's gefällt. Der Meister fährt wie auf Schienen Im Karrieremodus muss der Spieler immer wieder gegen den jeweiligen Meister einer Disziplin im Duell antreten. Das erste Duell, das wir fahren mussten, sorgte dann auch nach der etwa zehnten frustrierten Niederlage dafür, dass wir die oben beschriebene Schwierigkeitsanpassung vornahmen. Denn: ohne den Sieg über den Meister kommen wir in der Karriere nicht voran, können allenfalls immer und immer wieder die bereits absolvierten Rallys erneut fahren. Und der Meister fuhr mit seiner Karre wie auf Schienen... da konnten wir noch so fies versuchen, ihn von der Strecke zu schubsen - der schien sich nur kurz zu besinnen und fuhr uns von dannen. Nicht gerade motivationsfördernd. Das führt uns gleich nochmal zur KI der Gegner. Die fahren alle schön straight ihre Runden. Kommt man ihnen ins Gehege, zieht man meist den Kürzeren. Kommen die dem Spieler selbst in die Quere, scheint die Auswirkung dagegen nicht so krass zu sein. Womit wir beim Thema Kollisionsabfrage wären. Die widerspricht arcadetypisch geltenden physikalischen Gesetzen. Wenn wir also mit der rechten Seite uninspiriert in eine Leitplanke geraten, wirbelt die Kollision das Auto um die eigene Achse, wie man es selten schöner gesehen hat. Die Fahrphysik selber ist richtig arcadelastig, wem das zuwider ist, der kann in den Einstellungen immerhin die Fahrhilfen ausstellen, um ein wenig mehr Simulation auf die Strecke zu bringen. Jetzt wollen wir aber nicht nur meckern, denn das Spiel macht auch durchaus Laune. Die Entwickler setzen bei "Gravel" auf die bewährte Unreal-Engine, die für eine gut aussehende Spielumgebung sorgt. Auch die Autos können sich in ihrer Detailtiefe und beim Schadensmodell sehen lassen. Allerdings haben wir beim Test auf der PS4 immer wieder Texturnachlader auf den Strecken gesehen, die wiederum nicht so richtig prickelnd sind. Wir hoffen, dass Milestone die mit einem zukünftigen Patch abstellen kann. Dagegen sorgen die wechselnden Tagezeiten und Wetterbedingungen für eine gute Atmosphäre bei den Rennen. Da hat jemand ein Händchen gehabt Und da wir gerade schon beim Thema "Atmo" sind: der deutsche Sprecher, der in einer fiktiven Liveschalte von den "Off-Road-Masters" berichtet, ist wirklich gut. Die Einspieler vor den einzelnen Rennen unterstützen das Ganze noch - da hat jemand bei Milestone ein Händchen gehabt. Die einzelnen Disziplinen sind auch tatsächlich recht abwechslungsreich gelungen: Bei Cross Country geht's - logo! - querfeldein, bei Stadium Circuits holpern wir im Stadion über Buckelpisten, bei Wild Rush rast man auch schonmal durch einen Steinbruch, und hinter Speed Cross verbergen sich die die authentisch nachgebauten Kurse der FIA World Rallycross Championship 2017. Messen lassen muss man sich mal in Rundkursen, mal in Checkpoint- oder Eliminierungsrennen. In der Variation "Smash Up" muss man ohne Gegner Tafeln mit grünen Pfeilen überfahren und darf dabei nicht die mit den roten Kreuzen erwischen, weil sie das Auto verlangsamen würden. Mit ordentlichem Tempo kann das schon mal knifflig werden - vor allem, weil es unterwegs keine Anzeige dafür gibt, auf welchem Platz man gerade ist. Wir haben da im Ziel so manches böses und frustrierendes Erwachen erlebt. Insgesamt aber haben wir uns von dem Spiel gut unterhalten gefühlt. Es ist nicht der absolute Oberburner, den wir jetzt allen unseren racingverrückten Freunden empfehlen würden, aber wir hatten unseren Spaß damit. Milestone hat bereits weitere DLCs angekündigt, unter anderem neue Fahrzeuge und Strecken sowie zwei neue Karriere-Events. Außerdem gibt's weiterhin jede Woche eine Herausforderung zu fahren, die wirklich nicht die einfachste ist, wie wir aus dieser Woche kleinlaut berichten müssen. Wer also nichts gegen ein bisschen Arcade-Wahnsinn hat, darf bei "Gravel" zugreifen. "Gravel" ist verfügbar für PlayStation 4, Xbox One und PC via Steam

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