Kann auch Selfies: Kanzlerkandidat Martin Schulz gibt sich im Interview mit vier Youtube-Stars offen und glaubwürdig. - © picture alliance / Kay Nietfeld/dpa
Kann auch Selfies: Kanzlerkandidat Martin Schulz gibt sich im Interview mit vier Youtube-Stars offen und glaubwürdig. | © picture alliance / Kay Nietfeld/dpa

Politik/Netzwelt Schulz im Youtube-Interview: Von Digitalisierung und Jugendstreichen

Youtube-Stars fragen den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz nach Politischem und Privatem. Fazit: Nicht zu viel von diesen Formaten erwarten

Lena Henning

Nach Merkel ist nun also Schulz dran: Vier junge Youtuber fühlen dem SPD-Kanzlerkandidaten auf den Zahn. Neben klassischen politischen Themen muss Schulz auch persönliche Fragen beantworten, etwa nach einem Haustier oder ob er lieber Wander- oder Strandurlaub macht. Nach dem ersten Interview mit Angela Merkel hatten die vier Youtuber viel Kritik einstecken müssen: zu uninspiriert seien die Fragen gewesen. Zum Beruf eines Journalisten gehöre eben mehr, als sich vor einer Kamera über Schminktipps oder Computerspiele auszulassen. Am Sonntag schickten die vier großen Fernsehsender vier ihrer profiliertesten Moderatoren ins große TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz – und siehe da: Auch hier hagelte es Kritik. Zu einseitig die Themenauswahl, zu starr das Fragenkorsett. Zu viele Themen, die nicht zur Sprache kamen. Nicht alle relevanten Themen passen in ein einziges Interview Ist eben wohl alles nicht so einfach. Dafür haben die vier Youtuber im Interview mit Martin Schulz ihre Sache im Großen und Ganzen ganz gut gemacht. Wenn man bedenkt, dass sie eben keine professionellen Journalisten mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung sind. Wenn man bedenkt, dass in ein Format von maximal zwei Stunden eben nicht sämtliche politisch und gesellschaftlich relevanten Themen passen. Und wenn man bedenkt, dass Politiker meistens ganz genau wissen, was sie sagen wollen - da half es auch nicht, dass die Vier immer wieder tapfer nach "ganz konkreten" Maßnahmen fragten. Die Produktionsfirma reagiert auf die Kritik in der zweiten Ausgabe des Youtube-Interviews mit ein paar Änderungen. Die vier Youtuber Nihan, MrWissen2Go, Marcel Scorpion und ItsColeslaw stellen ihre Fragen zu festgelegten Themengebieten. Dazu haben sie jeweils zehn Minuten Zeit. Zwischendurch werden Fragen, die die Nutzer über Twitter stellen können, eingebunden. Schulz gibt sich volksnah und offen Die Beauty-Bloggerin Nihan beginnt mit Fragen zu Flüchtlingen und Integration – wie im TV-Duell das dominante Thema. Die 26-Jährige, die selbst türkische Wurzeln hat, will von Schulz wissen, wie sich Parallelgesellschaften verhindern lassen. Schulz räumt Fehler in der Vergangenheit ein, nennt Sprache und Bildung als Schlüssel zur Integration – soweit wenig Neues. Schulz erzählt von seinen Nachbarn und Erlebnissen guter Freunde. Was volksnah wirken soll, kommt eher ein wenig anbiedernd rüber. Zu den Themen soziale Gerechtigkeit und Außenpolitik ist MrWissen2Go (Mirko Drotschmann) an der Reihe. Ihm merkt man seine journalistische Erfahrung, unter anderem als Moderator der Kinder-Nachrichtensendung Logo, an. Er ist gut vorbereitet, hakt nach. Nächstes mal bitte @MrWissen2Go anstatt @ClausStrunz beim #TVDuell! So geht journalistisch fragen! #DeineWahl — Yannick (@wochlop) 5. September 2017 Mit Fragen nach dem aktuellen Preis für einen Liter Milch oder wann bei Schulz zuhause der Müll abgeholt wird, will Mirko Droschmann herausfinden, wie nah der Kandidat wirklich an der Lebenswelt der „kleinen Leute" ist. Schulz antwortet souverän und glaubwürdig. Zur Frage nach einer Legalisierung von Cannabis, die viele Youtube-Nutzer interessiert, sagt Schulz: Aus der Erfahrung seiner eigenen Alkoholabhängigkeit sei er „selbst bei anderen Rauschmitteln zurückhaltend". Bei einer Abstimmung im Bundestag dazu würde er den Fraktionszwang aufheben. Viele Fragen sind zu unkritisch Bei MarcelScorpion (Marcel Althaus) dreht sich alles ums Thema Digitalisierung. Schulz wiederholt seine Forderung, die digitale Infrastruktur massiv ausbauen zu wollen. Ansonsten bleibt das Thema oberflächlich: Ob die Internetverbindung im Bundestag denn gut sei, will der Youtube-Star wissen. Kaum Fragen zu Überwachung und Privatsphäre, gar nichts zum digitalen Wandel der Arbeitswelt und möglichen Verlusten zahlreicher Arbeitsplätze. "Das weiß ich nicht, aber ich habe mich wirklich SEHR gut vorbereitet", Marcel Scorpion bei #DeineWahl — Morten Wenzek (@morten_wenzek) 5. September 2017 Youtuberin ItsColeslaw (Lisa Sophie) als Letzte in der Reihe stellt dann endlich die Fragen, die junge Leute wahrscheinlich wirklich am meisten interessieren: G8 oder G9? Schulbeginn um 8 Uhr oder später? Dreigliedriges Schulsystem oder Gesamtschule? – Schade nur, dass Schulz auch als Kanzler in diesem Bereich leider gar keine Kompetenzen hätte. Denn auch wenn er das Kooperationsverbot aufheben will: Bildung ist und bleibt Ländersache. Fazit: Nicht zu viel erwarten Was also bleibt von diesem Interview? – Leider wenig wirklich Neues. Ähnlich wie bei Merkel gilt auch hier: Wer die gleichen Fragen stellt, bekommt auch die gleichen Antworten. Auf bahnbrechend neue Erkenntnisse zu hoffen, nur weil einmal nicht Sandra Maischberger und Claus Strunz die Fragen stellen, wäre aber wohl auch eine zu hohe Erwartung. Was von diesem Interview hängen bleibt, ist das Geständnis eines Jugendstreichs: Martin Schulz hat in seiner Jugend nach einer durchzechten Nacht mal Waschpulver ins Becken eines Freibads gekippt. Diese Erkenntnis ist vielleicht weniger den cleveren Fragen der Youtuber zu verdanken. Vor allem hat sich Schulz als ein Kandidat gezeigt, der sich auf das Format eingelassen, Fragen offen und – anders als Merkel - auch mal persönlich beantwortet hat und „den jungen Leuten" auf Augenhöhe begegnet ist.

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