Protagonistin Senua leidet unter Psychosen. Das führt zu einem einzigartigen Spielerlebnis. - © Ninja Theory
Protagonistin Senua leidet unter Psychosen. Das führt zu einem einzigartigen Spielerlebnis. | © Ninja Theory

Games & Netzwelt Test zu Hellblade: Senua's Sacrifice - Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Die von Psychosen geplagte Hauptdarstellerin macht das Spiel zu einem einzigartigen Erlebnis

Björn Vahle

Ein personaler Erzähler ist der unzuverlässigste, so lernen wir es im Deutsch-Unterricht. Denn er kann nur die Geschichte erzählen, die er oder sie selbst erlebt hat. Was aber, wenn diese Erzählerin obendrein an Psychosen leidet, Stimmen hört - und nicht die einzige Erzählerin ist? Willkommen bei "Hellblade: Senua's Sacrifice". Was dieses Vorgeplänkel Ihnen sagen soll: Der Wikingerdame Senua, aus deren Sicht wir das Action-Adventure erleben, können wir nicht so recht vertrauen. Entwickler Ninja Theory hat das Spiel mit Psychologen und tatsächlich von Psychosen betroffenen Menschen entwickelt, um die Darstellung so authentisch wie möglich zu machen. Und das gelingt, so viel sei verraten, herausragend. Ständig hören wir Stimmen, die uns verfluchen, sich erschrecken, wenn Senua ihre Unterhaltungen bemerkt und sich sogar untereinander streiten. Schon im Prolog müssen wir lernen, mit den Stimmen zu leben. Sie sind ein Teil von uns. Oder wie eine von ihnen es ausdrückt: "Man versucht, sie zu ignorieren, sich abzuwenden. Aber sie sind immer da, geradeso außer Sicht." Story komplex, Gameplay schlank Die Geschichte des Spiels erinnert stark an die von Orpheus und Eurydike. Senua will ihren geliebten (und offenbar verstorbenen) Dillion aus Hel befreien, der Unterwelt der nordischen Mythologie. Durch ihren Zustand wissen wir aber nie recht, ob das, was wir erleben, tatsächlich passiert ist, Senuas Psychosen entspringt - oder ob die Dame vielleicht bereits das Zeitliche gesegnet hat. Zumal sie uns gern mal direkt anschaut, wenn sie mit Dillion spricht. Als würden wir ihre Schritte nicht nur mit dem Controller lenken. So begleiten wir Senua durch eine mystische, keltisch geprägte Welt. Der Hauptfokus beim Gameplay liegt auf der Erkundung. Gekämpft wird zwar gelegentlich auch, aber die meiste Zeit knacken wir simple Perspektivenrätsel, um ins nächste Levelgebiet zu gelangen. Spannend dabei: Das Spiel verzichtet völlig auf Bildschirmanzeigen. Dass wir im Kampf verwundet sind, merken wir daran, dass sich Senuas Angriffe langsamer und kraftloser steuern. Heilungsmöglichkeiten gibt es keine. Schlimmer noch: Je häufiger wir sterben, desto stärker ergreift eine schleichende Dunkelheit Besitz von Senua's Körper, die sich mit jedem Tod vom Arm bis zum Kopf ausbreitet. Scheitern wir zu oft, wird der gesamte Spielfortschritt (!) gelöscht. Unbedingt mit Kopfhörern spielen Leider fehlt dem mit etwa 10 Stunden recht kurzen Spiel irgendwann die Abwechslung. Die Rätsel, bei denen wir Runen in der Spielwelt finden müssen, bleiben immer gleich leicht und langweilen gegen Ende. Und die vergleichsweise langen Kämpfe stören den Spielfluss eher, als dass sie Spaß machen. Durch die fehlenden Anzeigen wird das Spiel allerdings auch intensiver. Nichts stört das Erlebnis in Kämpfen oder beim Erkunden der wunderschönen Spielwelt. In der gibt es außer ein paar Runensteinen, die aus der nordischen Mythologie erzählen, aber leider keine Geschichten zu entdecken. Da verschenkt Ninja Theory viel Atmosphäre-Potenzial. Das Sounddesign gehört dafür mit zum Besten, was wir in Videospielen bisher auf die Ohren bekommen haben. Die eingebildeten Stimmen lautmalen das Bild einer gezeichneten Psyche ("Es ist gefährlich. Berühre es!"), die Welt atmet ihre gequälten Geräusche mit perfektem Timing in unsere Gehörgänge. Näher kann man dem Klang eines psychotischen Verstandes wohl kaum kommen. Also unbedingt Kopfhörer auf! Fazit: Auch mit Makeln einzigartig Hellblade: Senua's Sacrifice ist ein besonderes Spielerlebnis. Was Ninja Theory allein durch den Sound an Kopfkino auslöst, kann man dem kleinen Indie-Studio kaum hoch genug anrechnen. Da haben ein paar Menschen verstanden, wie man das Medium Spiel einsetzt, um auch mal ein ernstes Thema nachfühlbar zu machen. Das Problem des Spiels ist blöderweise, dass die Spiel-Elemente wenig Spaß machen. Die Kämpfe sind da noch das Spannendste. Die Rätsel aber nerven irgendwann, weil sie jeglichen Anspruch vermissen lassen - und Senua auch keine neuen Fähigkeiten lernt. Als Erlebnis können wir das Spiel dennoch empfehlen - allein deshalb, weil wir uns jetzt zumindest ansatzweise vorstellen können, wie es ist, im eigenen Kopf nicht allein zu sein. Hellblade: Senua's Sacrifice ist für PC und Playstation 4 erhältlich und kostet ca. 30 Euro.

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