So sieht aufgefaltet das Google Cardboard. Taugt es tatsächlich als VR-Brille? - © dpa
So sieht aufgefaltet das Google Cardboard. Taugt es tatsächlich als VR-Brille? | © dpa

Games & Netzwelt Virtual Reality im Test: Lohnen sich Geräte unter 30 Euro?

Drei günstige Alternativen zur teuren Hardware

Angela Wiese
Björn Vahle

Bielefeld. Erinnern Sie sich an die Zeit, als Virtual Reality noch eine Zukunftsvision war? Diese Zeit ist vorbei. Theoretisch kann schon heute jeder auf dem eigenen Sofa in virtuelle Realitäten aufbrechen. Wären da nicht die hohen Preise für ausgereifte VR-Brillen. Diese kosten derzeit zwischen 70 und 900 Euro. Der Blick auf die vielen kostenlosen Virtual-Reality-Bilder, -Videos und -Apps, die mittlerweile in Appstores und auf Videoplattformen angeboten werden, lohnt sich durchaus. Musikfans kommen zum Beispiel mit der App "Bohemian Rhapsody Experience" auf ihre Kosten und erleben den Klassiker von Queen in einer bunten Welt, in der Figuren und Farben auf die Bewegung der Brille reagieren. Viele Youtube-Videos lassen sich mittlerweile im VR-Modus schauen. Und in Google Street View gelangen User per App an die schönsten Orte der Welt und können sich diese im 360-Grad-Modus anschauen. Wer nicht auf den von Experten erwarteten Preisverfall im VR-Bereich warten möchte, kann auch auf deutlich günstigere Produkte zurückgreifen. nw.de hat drei VR-Brillen zwischen 3 Euro und 29,99 Euro getestet. Die Ergebnisse gibt es auf den nächsten Seiten: 29,99 Euro: Die VR-Brille von HooToo Das Modell, geeignet für 4,7 bis 6-Zoll-Smartphones, unterscheidet sich schon optisch deutlich von seinen günstigeren Pappkameraden. Im Lieferumfang enthalten ist die Brille, ein Reinigungstuch, eine Anleitung und eine Lichtschutz-Abdeckung, die der Käufer vor den Linsenbereich stecken kann. Das Modell eignet sich gut für die ersten Schritte in der virtuellen Realität. Ein festes Gummiband sorgt für den notwendigen Halt beim Tragen des Gestells. Hände müssen die Brille nicht stützen. Je nach Smartphone kann die VR-Brille ziemlich schwer werden. Die Halterung vor den Linsen, in die das Smartphone gesteckt wird, kann an die Größe des Handys angepasst werden. An der Brille ist zwar ein Magnettaster befestigt, über den Apps steuerbar sein sollen. Im Test ist dieser jedoch nutzlos. Wenn in der App keine Steuerung durch eine Bewegung der Brille möglich ist, wird es umständlich. Denn dann müssen Nutzer die Brille immer wieder öffnen, um an das Smartphone zu gelangen. Wer also intensiv Spiele-Apps ausprobieren möchte, müsste sich zusätzlich einen Controller kaufen. Die Linsenqualität ist sehr gut, die Schärfe lässt sich für beide Linsen einstellen. Im Test sind wir durch New York gelaufen, haben Freddy Mercury in einem Video zu seinem Klassiker "Bohemian Rhapsody" getroffen und haben den Strand in San Francisco in einem 360-Grad-Bild erkunden. Diese Bilder lohnen sich. Hin und wieder entsteht sogar ein Vor-Ort-Gefühl. Die wichtigsten Punkte des Modells sind in dieser interaktiven Grafik beschrieben: 3 bis 20 Euro: Das Google Cardboard Das Cardboard von Google ist im Grunde nichts weiter als ein clever gefalteter Pappkarton mit 3D-Brille. In den kann jedes mindestens 4,5 Zoll große Smartphone einfach eingelegt und befestigt werden. Ansonsten sind Ränder beim 3D-Genuss unvermeidbar. Als Einstieg in die Möglichkeiten der Virtuellen Realität bietet sich die zugehörige App an, die kostenlos im Google Play Store verfügbar ist. Die sorgt nebenbei auch dafür, dass wir das Handy richtig ins Cardboard schnallen. Und dann geht es los. Vor stilisierten Comic-Hintergründen dürfen wir beispielsweise einer Möwe im Flug über steile Klippen folgen oder in einer orangenen Ödnis nach und nach Blumen pflanzen. Das klappt reibungslos, denn die Bedienung ist denkbar einfach. Mit Kopfbewegungen sehen wir uns in der Welt um. Tippen wir auf den am Cardboard ausgesparten Knopf, interagieren wir mit der Welt. In der Cardboard-App ist das jeweils auf die entsprechende Umgebung in der App beschränkt. So bleibt das Erlebnis zwar eindrucksvoll, weil es trotz allem ein schönes Mittendrin-Gefühl vermittelt. Aber die Möglichkeiten der VR schöpft es nur begrenzt aus. Die Sache mit dem Knopf am Cardboard ist allerdings - im Vergleich zu hochpreisigen VR-Brillen - ein echter Kritikpunkt. Denn natürlich muss man die Konstruktion die ganze Zeit über festhalten, wenn man sie benutzen will. Außerdem ist der harte Pappkarton nicht das bequemste Nasenfahrrad, lässt sich aber aushalten. Wirklich blöd hingegen: Brillenträger müssen wegen der vorgestanzten Aussparung für die Nase die eigene Brille zwingend abnehmen. Das macht das Gerät für arg weitsichtige Benutzer praktisch unmöglich. Allerdings ist der Preis ein echtes Argument fürs "mal ausprobieren". Bei verschiedenen Online-Shops sind die Cardboards ab 3 Euro plus Versand zu haben. Wer direkt bei Google bestellen möchte, muss 20 Euro bezahlen. 9,99 Euro: Die VR-Brille zum Selberbasteln An dem Google Cardboard orientierte Sets zum Basteln gibt es reichlich. Die Variante für circa 9,99 Euro wird von verschiedenen Anbietern in Online-Shops verkauft. Unterschieden wird zwischen Smartphone bis 5,3-Zoll-Displays und solchen mit 6,0-Zoll-Displays. Im Paket enthalten ist reichlich braune Pappe, zwei bikonvexe Linsen, ein Kopfband und Magnete, die mit etwas Glück für die Steuerung von Apps genutzt werden können. Auch wenn viele Anbieter es versprechen: Das Gestell ist nicht in einer Minute einsatzbereit. Wer nicht zu den Bastelfans gehört, wird die ein oder andere Minute mehr benötigen, bis er in virtuelle Welten abtauchen kann. Im Test (siehe Video) hat das Falten und Kleben der Brille rund zwölf Minuten gedauert. Auf der Pappe ist eine kurze Bild-Anleitung aufgedruckt. Die fertige VR-Brille kann einiges. Wollten Sie schon immer mal spontan durch Berlin spazieren, ohne tatsächlich hinfahren zu müssen? Die Google-Streetview-App und dieses 3D-Pappgestell lassen sie 360-Grad-Fotos von unterschiedlichen Städten und Gegenden im VR-Modus erkunden. Das ist reizvoll, bedenkt man, dass diese Variante nicht mal 10 Euro kostet. Der Preis macht sich an anderen Stellen bemerkbar. Der Tragekomfort lässt zu wünschen übrig. Die Verarbeitung ist billig. Das Fach, in das Käufer ihr Smartphone legen müsse, lässt sich bei größeren Smartphones schwer schließen - trotz der Klettverschlüsse. Das mitgelieferte Nasenpolster, das in die Nasenaussparung geklebt wird,  ist wichtig, denn ohne zwickt die Pappe. Der Eindruck, einen Pappkasten auf der Nase zu haben, verschwindet allein durch das dünne Nasenpolster aber nicht. Das Gummiband zum Befestigen der Brille am Kopf ist eigentlich überflüssig, denn es kann VR-Brille inklusive Smartphone unmöglich halten. Käufer brauchen also beide Hände, um die Brille während des Gebrauchs festzuhalten. Diese Brille eignet sich als Gag auf Partys oder dafür, einen ersten Eindruck von Virtual Reality zu bekommen. Sie reicht für jeden, der mal eine VR-App ausprobieren oder 360-Grad-Videos und -Bilder anschauen will. Fazit Wer die ersten Schritte in der virtuellen Realität unternehmen möchte, kann dies letztlich mit allen drei Modellen tun. Je weniger Geld die VR-Brille kostet, desto mehr Abstriche müssen Nutzer allerdings machen, besonders bei der Stabilität und dem Tragekomfort. Das Modell für 29,99 Euro hat am besten abgeschnitten. Für Videos oder Fotos reichen aber die günstigeren Varianten auch aus. Zu viel darf man von allen drei Modellen nicht erwarten. An die ausgereifte, aber bislang sehr teure Technik reicht die Leistung der günstigen Modelle nicht heran.

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