Vielen Kindern werden heute keine Grenzen mehr gesetzt. Einige Eltern erziehen kleine Prinzessinnen und Prinzen, um die sich die ganze Welt dreht. - © picture alliance/chromorange
Vielen Kindern werden heute keine Grenzen mehr gesetzt. Einige Eltern erziehen kleine Prinzessinnen und Prinzen, um die sich die ganze Welt dreht. | © picture alliance/chromorange

Kommentar Viele Kinder kennen heute keine Grenzen mehr

Aufregung nach Bericht über einen Jungen, der auf dem Flug von Deutschland in die USA acht Stunden lang schrie

Annika Falk-Claußen

Ein kleiner Junge fliegt mit seiner Mutter von Deutschland in die USA. Der etwa Dreijährige schreit während des achtstündigen Lufthansa-Flugs fast ununterbrochen, ein Passagier filmt die "dämonisch" klingenden Laute, wie er sie beschreibt, und stellt sie auf YouTube. Als Spiegel online darüber berichtet, sind die Reaktionen der Facebook-Nutzer teilweise haarsträubend. Denn wie so oft im Netz, wenn es um Kinder geht, verlieren die Nutzer ihre guten Manieren. Innerhalb der ersten halben Stunde gibt es mehr als 1.000 Kommentare. Eine Mutter schreibt, ihr wäre in dieser Situation der "Kragen geplatzt", sie hätte sich eingemischt. Das wiederum kritisieren andere, beleidigen die Frau und verteidigen den Jungen, der übrigens auch auf den Lehnen der Flugzeugsitze rumturnt. Kinder würden halt mal schreien und bräuchten mehr Freiheiten und weniger Grenzen. Wir wissen nicht, ob der Junge psychische Probleme hat, ob er vielleicht Autist oder einfach nur unerzogen ist. Sein Schreien ist allerdings kein wehleidiges, sondern ein zorniges. Und die Mutter macht keine großen Anstalten, ihn anderweitig zu beschäftigen oder zu beruhigen. Sie lässt ihn gewähren. Und das ist ein Verhalten, das man leider immer häufiger beobachten muss. Immer weniger Kindern werden Grenzen gesetzt. Kinder brauchen Freiheiten und Regeln Meine Mutter leitet seit mehr als 20 Jahren eine große Kindertagesstätte. Was sie aus ihrem Alltag erzählt, könnte mehr als ein Buch füllen. Es geht dabei weniger um die Kinder als die Eltern, die oftmals ziemlich überfordert sind, die ihren Kindern alles erlauben, die kleine Prinzessinnen und Prinzen erziehen, um die sich die ganze Welt dreht. Kommen diese Kinder in Kita und Schule, stellen sie fest, dass man sich dort an Regeln halten muss. Und erreichen eine Grenze, die viele vorher nicht kannten und mit der sie dann nicht klar kommen. Mir wird angst und bange, wenn diese Kinder auf die Arbeitswelt losgelassen werden. Bevor jetzt Rufe laut werden wegen antiautoritärer Erziehung und Freiheiten, die Kinder für eine gute Entwicklung brauchen: Nein, es müssen nicht alle Kinder total angepasst sein, sie sollen sich natürlich auch ausleben dürfen. Aber Kinder müssen lernen, dass Konsequenzen folgen, wenn man sich nicht an vorgegebene Regeln hält. Es geht dabei nicht um überzogene Strenge, Drohungen oder gar Gewalt. Es geht aber darum, dass Erwachsene eben gewisse Entscheidungen treffen, die Kinder noch nicht treffen können. Manche Eltern verlangen von ihrem Nachwuchs zu viel, wenn sie ihn bei allem mitentscheiden lassen wollen. In die Erziehung einmischen Dazu kommt: Früher hat sprichwörtlich "ein Dorf" die Kinder erzogen, da der Nachwuchs in Großfamilien aufwuchs, sich Oma, Opa, Tante, Onkel oder auch mal die Nachbarin in die Erziehung einmischten. Das darf man sich heute kaum mehr erlauben. Denn einige Eltern verfolgen teilweise ganz skurrile Erziehungsansätze. Da muss der Fünjährige nur das essen, was er möchte - und das am liebsten mit den Händen. Da muss die Zweijährige keine Winterjacke anziehen, weil sie bei Minusgraden lieber im Sommerkleidchen in die Kita gehen wollte. Und da darf der Dreijährige andere Menschen tyrannisieren, ohne dass die Eltern einschreiten. Das geht zu weit. Ich gehöre nicht zu der Fraktion "Früher war alles besser", aber manchmal sollte man sich doch darauf besinnen und sich als  Außenstehender in die Erziehung von Kindern einmischen. So hätte ich es in diesem Flugzeug gemacht. Wer die Reaktionen auf den Artikel bei Facebook nachlesen möchte: Passend dazu sei allen Eltern, Lehrern und Erziehern das Buch "Verschieben Sie die Deutscharbeit, mein Sohn hat Geburtstag" von Lena Greiner und Carola Padtberg empfohlen. Wahre Geschichten über Helikopter-Eltern und Premium-Kids, die Pflichtlektüre für alle Pädagogen sein sollten.

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