Familie & Outdoor Weihnachten: Wie Menschen aus OWL feiern

Für diese Personen aus Ostwestfalen-Lippe ist das Fest in diesem Jahr etwas ganz Besonderes. Ein Junge, eine Studentin, eine 54-Jährige und eine 83-Jährige erzählen

Janina Raddatz
Julia Gesemann

Tobias Schreiner

Anne Wunsch

Dass sie in diesem Jahr ganz normal Weihnachten feiern kann, das hätte Vera Wulf-Heinevetter im Frühjahr nicht gedacht. 18. April 2017 – dieses Datum wird die 54-Jährige aus Paderborn so schnell nicht vergessen. Dieser Moment, als ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, wie sie selbst sagt. Ein Neuroradiologe entdeckt bei einer Untersuchung zufällig ein Aneurysma in ihrem Gehirn, 1,1 Zentimeter groß. Ein Schock. „Das auch noch", beschreibt Wulf-Heinevetter ihre Gedanken nach der Diagnose. Seit 1994 hat sie Multiple Sklerose (MS), eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Eigentlich sollre der Arzt am 18. April nur nach weiteren MS-Herden suchen. „Ich bin ihm aber sehr dankbar, dass er über den Tellerrand geschaut und das Aneurysma entdeckt hat." Doch was tun? Eingriff oder nicht? Eine schwierige Entscheidung. „Ich hatte fürchterliche Angst, dass ich währenddessen einen Schlaganfall bekomme und nicht mehr so aufwache, wie ich eingeschlafen bin. Andererseits wollte ich auch nicht mit der tickenden Zeitbombe leben." Nichts tun, das kann die Paderbornerin nicht. Also platzieren Experten des Alfried-Krupp-Krankenhauses in Essen am 9. November in ihrem Gehirn Platinspiralen, die das Aneurysma verschließen sollen. Alles läuft gut. „Als ich gemerkt habe, dass alles wie vorher ist, habe ich geheult", erinnert sich die 54-Jährige. „Ich bin noch heute so froh darüber!" Darüber, dass sie ihr Leben weiterleben, dass sie Weihnachten feiern kann. Vera Wulf-Heinevetter ist trotz Krankheit ein optimistischer und fröhlicher Mensch. „Wenn ich meinen Humor nicht hätte, würde ich über vieles anders denken." Aber so gewinnt sie jeder noch so schwierigen Situation Positives ab. Und sie möchte Betroffenen Mut machen: „Man kann mit der MS leben, das ist kein Todesurteil!" Die Paderbornerin ist eine Kämpferin. Sie ist für andere Menschen da, engagiert sich im Tierschutz, spricht in Schulen über die MS. „Für mich ist es das Schönste, wenn ich helfen kann." Das gebe ihr Kraft. Die Geschehnisse haben viel bei ihr bewirkt. „Ich bin entspannter, habe eine andere Einstellung zum Leben bekommen." Über das Wetter oder den Verkehr regt sie sich nicht auf, „da gibt es wirklich Schlimmeres". Und quälen sie doch mal Ängste, sucht sie die Gesellschaft ihrer vier Meerschweinchen George, Marvin, Danny (Foto) und Polly. „Bei ihnen komme ich zur Ruhe." Ganz in Ruhe wird sie auch Weihnachten feiern, ohne Stress – „den hatte ich genug" –, mit ihrem Mann, ihrer Familie und den Tieren. „Ich möchte nur diejenigen um mich haben, die mir wichtig sind", sagt sie. „Das Ganze ist ja auch noch nicht ausgestanden. Im nächsten Jahr muss ich wieder zur Kontrolle." Sie sieht es so: „Ich habe ein Jahr Leben dazubekommen, dafür bin ich sehr dankbar." Ein Weihnachtsfest mit Schnee und Tannenbaum? Darauf verzichtet Vera Hollmann dieses Jahr. Aus einem ganz bestimmten Grund: Sie verbringt die Feiertage am Strand und in einer der größten Metropolen der Welt. Die 26-Jährige aus Melle hat im Herbst ihr duales Studium im Fach International Business in Bielefeld abgeschlossen und belohnt sich dafür nun mit einer Reise. Dreieinhalb Wochen lang reist sie mit ihrem Bruder Jan quer durch Thailand. Auf den Urlaub hat sie sich schon seit Monaten gefreut. „Ich habe zum Ende meines Studiums darauf hingearbeitet, noch mal länger wegzufahren. Später wird es nicht mehr so einfach sein, mehrere Wochen am Stück Urlaub zu machen", sagt sie. Ein Traum wird wahr. Ihr Bruder reist sogar für ganze vier Monate durch Südostasien: Thailand, Laos, Kambodscha, und Vietnam stehen auf dem Plan. Knapp einen Monat lang begleitet ihn Vera dabei durch Thailand. Von Phuket im Süden des Landes reisen die Geschwister nach Norden. Über die Insel Koh Tao soll es in die Millionen-Metropole Bangkok bis nach Chiang Mai gehen. „Das ist bisher der grobe Plan. Wir wollen uns aber noch nicht zu sehr festlegen und Raum für spontane Abenteuer lassen." Denn für den Urlaub hat sich Vera viel vorgenommen. Sie will Tauchkurse und die Prüfung für den Tauchschein absolvieren, einen thailändischen Kochkursus belegen und sich mit dem Buddhismus auseinandersetzen. Reisen ist Veras Hobby. In den vergangenen Jahren war sie mit dem Rucksack unter anderem in Russland und Israel unterwegs. Deshalb weiß sie, dass zu den Vorbereitungen für eine solche Reise auch eine vernünftige medizinische Vorsorge gehört. Sieben Mal musste sie in den Wochen vor dem Abflug bei Ärzten Termine wahrnehmen. Nach mehreren Impfungen, Malaria-Schutz und ärztlichen Checks ging es am 10. Dezember dann endlich zum Flughafen und elf Stunden im Flieger nach Thailand. Aktuell sind die beiden in Bangkok unterwegs. Hier verbringen sie auch den Heiligabend. Für Vera ist es das erste Weihnachten ohne ihre Eltern. Aber Heimweh? Fehlanzeige. „Ich freue mich auf die Wärme", sagt sie lachend. „Natürlich wird das ein anderes Weihnachten als sonst. Wir wissen auch noch nicht, was wir an Heiligabend machen. Wahrscheinlich gehen wir irgendwo in Bangkok lecker essen." Am ersten Weihnachtstag wollen Vera und Jan dann schon im Nachtzug nach Chiang Mai sitzen. Um trotz des Reisestresses ein wenig heimatliche Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, hat Vera eine Packung gebrannte Mandeln vom Weihnachtsmarkt eingepackt. Und für ihren Bruder hatte sie eine besondere Idee: „Ich habe Jan vorgeschlagen, dass ich Rouladen mitbringe. Das ist unser traditionelles Weihnachtsessen. Er meinte aber, dass ich die Dinger aus der Konserve ruhig zu Hause lassen kann. Hier gibt’s ja genug gutes Essen." Weihnachten ist wohl für alle Kinder ganz besonders. Na klar, endlich ist die Aufregung vorbei und es gibt die lang ersehnten Geschenke. Doch die stehen für Stilyan Velev gar nicht so im Vordergrund. Der Zehnjährige wohnt in Harsewinkel und geht dort in die vierte Klasse der Astrid-Lindgren-Schule. Noch vor ein paar Jahren hat Stilyan in Bulgarien Weihnachten gefeiert. Nachdem er mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist, war Vieles neu. Uns hat Stilyan erzählt, wie er und seine Familie nun bulgarisch-deutsche Weihnachten in Harsewinkel feiern: „Der Abend vor Weihnachten ist für uns ein sehr wichtiges Familienfest. So wie jedes Jahr feiern meine Familie und ich zu Hause und jeder hilft mit, alles vorzubereiten. Einer backt ein spezielles Brot und ich helfe dabei, den Festtisch zu decken. Später müssen auf dem Tisch sieben, neun oder zwölf verschiedene Essenssorten ohne Fleisch stehen. Fleisch gibt es erst an den nächsten beiden Tagen. Für den 24. Dezember machen wir eine Bohnensuppe, Brot, gebratene Paprika und verschiedene Salate. Es gibt auch noch Obst, Walnüsse, Knoblauch, Honig und Wein für die Erwachsenen. Dann haben wir eine spezielle Tradition, die in Bulgarien ganz typisch ist: In das Brot wurde Geld eingebacken. Der Älteste am Tisch verteilt dann das Brot an alle, und wer eine Münze findet, hat im nächsten Jahr viel Glück! Vielleicht finde ich ja eine. Und in Bulgarien sagt man auch, dass das Innere der Walnuss etwas darüber sagt, wie das nächste Jahr werden könnte. Es ist jetzt mein viertes Weihnachtsfest in Deutschland. Ich denke, dass dieser Abend genauso fröhlich wird wie im letzten Jahr. Wir haben zusammen viele Weihnachtslieder gesungen und dann einen Film geschaut, der gezeigt hat, wie Jesus geboren wurde. Es ist sehr schön, dass wir diesen Abend alle zusammen feiern können. Das macht uns sehr glücklich. Sogar mein Urgroßvater ist derzeit hier. Er ist schon 89 Jahre alt. In der Nacht zum 25. Dezember wünscht sich dann jeder von uns etwas. Ich glaube, ich weiß auch schon was. Man muss gut überlegen, denn der Weihnachtswunsch ist sehr wichtig. Und es gibt noch eine besondere Tradition: In dieser Nacht darf man den Tisch nicht abräumen. Alles bleibt stehen. Denn eine Legende sagt, dass nach Mitternacht die Gestorbenen kommen. Deshalb lassen wir alles auf dem Tisch und räumen erst am nächsten Tag gemeinsam auf. So feiern wir immer die Weihnachtsnacht. Ich habe auch einen Wunsch, ein neues Fahrrad! Aber noch mehr wünsche ich mir, dass das nächste Jahr für uns alle sehr schön wird. Meine Familie und ich sind so glücklich, dass wir alle zusammen sind." Für Loni Ernst ist das Leben ein großes Geschenk – und jeden Tag aufs Neue eine große Freude. Und in diesem Jahr freut sie sich aus einem bestimmten Grund ganz besonders auf das Weihnachtsfest: Denn die ganze Familie kommt bei ihr in Herford zum Weihnachtsgans-Menü zusammen. Zubereitet wird die Gans stets nach eigenem Rezept – „seit mehr als 35 Jahren ist das bei uns so Tradition", erklärt die 83-jährige Herforderin. „Dass alle in diesem Jahr Zeit haben, und sogar mit Partnern, das hatten wir noch nie. Irgendwer musste immer arbeiten oder konnte nicht." Es sei der normale Lauf der Dinge, dass sich jeder junge Mensch sein eigenes Leben aufbaut. „Das ist auch gut so!", sagt sie mit Nachdruck. „Denn es ist so: Nur, wer weiß, dass er immer freiwillig und ungezwungen zu einem Fest wie Weihnachten nach Hause und auch zur Oma zurückkehren kann, dem geht es auf Dauer gut." Die Familie bedeutet Loni Ernst alles. Wer die Ostwestfälin kennenlernt, dem fällt als Erstes die immense Fröhlichkeit auf, mit der sie spricht, gestikuliert, andere Menschen direkt für sich einnimmt. Und die Worte, die auf diesen Eindruck folgen, bestätigen das: „Ich sage immer: Mundwinkel nach oben! Alles im Leben hat einen Sinn, auch wenn es im ersten Moment nicht so aussieht." Das gelte für Herausforderungen jeder Art. „Ich bin dankbar, dass ich gesund bin, Zeit mit meiner Familie verbringen und alles machen kann, was ich möchte...

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