Bielefeld Erziehungsberater gibt Tipps für entspannten Umgang mit Teenies

Wolfgang Bergmann setzt dabei auf die Ansätze des bekannten Familientherapeuten Jesper Juul

Ivonne Michel

Herr Bergmann, Sie sind selbst Vater dreier Kinder im Alter zwischen 16 und 23 Jahren. Haben Sie ein Patentrezept in Sachen Erziehung? Wolfgang Bergmann: Ein Patentrezept gibt's da nicht, allein schon, weil jedes Kind und jede Familie individuell ist. Wichtig ist die Beziehung. Dafür muss man sich als Erwachsener selbst gut kennen und wissen, wofür man steht. Welche Werte möchte ich vermitteln, wie soll die Atmosphäre bei uns Zuhause sein? Das muss ich mit größtmöglichem Respekt meinen Kindern vermitteln. In der Pubertät fangen Eltern oft mit einer Art Turboerziehung an, weil sie in letzter Minute noch alles richtig machen wollen, sagt Jesper Juul. Das könne nicht funktionieren. Wie kann man schon eher entscheidende Grundlagen legen? Bergmann: Sinnvoll ist, schon ganz früh und konsequent die eigenen Werte zu vermitteln und das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken. So kann es später die Herausforderungen des Alltags besser meistern. Früher gab es eine klare Hierarchie und Rollenverteilung in der Familie. Beides gibt es so heute nicht mehr. Wichtig ist, dass man gut in Beziehung ist, das Kind sich wertgeschätzt und ernst genommen fühlt mit seinen Bedürfnissen, Gefühlen, Meinungen und Wünschen. Das heißt nicht, dass es alles darf oder bekommt. Die Eltern müssen die Führung in der Familie übernehmen, Vorbild sein. Machtkämpfe sollte man vermeiden. Grenzen ziehen, Liebe schenken: Wie kann man seinem Kind eine möglichst gute Mutter, ein möglichst guter Vater sein? Bergmann: Eltern müssen klar kommunizieren: So will ich das, und so nicht. Liebe und Vertrauen sind ganz wichtig. Und auch der Mut, mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen und auszuhalten, wenn einem etwas wichtig ist. Das ist für die Entwicklung der Kinder förderlich. So lernen sie auch, mit Widerständen umzugehen und eigene Lösungsstrategien zu entwickeln. Klamotten und kluge Kommentare: Eltern sind Jugendlichen oft einfach nur peinlich. Was sollte man da beachten - und tunlichst vermeiden? Bergmann: Kluge Ratschläge will keiner hören. Und auch nicht immer so viel fragen. Lieber von sich und seinem Alltag sprechen. Das lädt die Kinder ein, von sich zu erzählen. Ganz wichtig für eine gute Beziehung ist wirkliches Interesse am Kind. Man sollte immer wieder im Gespräch bleiben, Meinungen und Standpunkte austauschen. In Sachen Mode: Wenn einem ein Trend wirklich gefällt, ist das authentisch und ok - solange man etwas nicht nur trägt, weil man mit den Jugendlichen mithalten möchte. Es gibt einige Punkte, zu denen Eltern und Teenager ziemlich unterschiedliche Meinungen haben. Erstes Thema: Zimmer aufräumen und Mithilfe im Haushalt. Kann man das optimieren? Bergmann: Auch da gilt: Klare Vorgaben machen und diese deutlich formulieren. Statt "Du sollst die Spülmaschine ausräumen" lieber "Ich brauche deine Unterstützung." Viele Eltern neigen dazu, hinter ihren Kindern herzuräumen. Lieber sollte man Verantwortung abgeben, zum Beispiel für das eigene Zimmer. Und das auch kommunizieren. Als Eltern muss dann aber auch aushalten, dass es vielleicht nicht so aussieht, wie man es sich wünschen würde. Die Jugendlichen wiederum erleben Konsequenzen: Zum Beispiel, dass keine frische Wäsche da ist, wenn man die schmutzige nicht in den Wäschekorb gebracht hat. Thema Alkohol: Es scheint, als fangen Jugendliche heute eher damit an als wir damals. Gibt es Richtlinien, ein richtiges Maß? Bergmann: Verbote sind sinnlos, dann trinken die Jugendlichen heimlich. Wichtig ist auch hier wieder, gut in Kontakt zu sein, von den eigenen Erfahrungen zu berichten. Schon mit Zwölf- oder 13-Jährigen sollte man über das Thema sprechen, Sichtweisen austauschen. So können sie frühzeitig ihr eigenes Bild entwickeln und sich Gedanken machen, wie sie damit umgehen wollen. Wenn dann die ersten Parties mit Alkohol anstehen, hören, was das den Jugendlichen bedeutet, wie es ihnen damit geht - und letztendlich auch, wie sie ihr Leben gestalten möchten. Zu viele Verbote führen eher zu Angst vor Strafe und Konsequenzen. Trotzdem sollten die Eltern auch hier ihren Standpunkt vertreten, müssen ihre Aufsichtspflicht wahrnehmen - und vielleicht auch da mal eine unpopuläre Entscheidung treffen und Vorbild sein. Das ultimative Killerargument jedes Teenies: Alle anderen bekommen mehr Taschengeld, haben das neueste Handy, Computer und Playstation, dürfen rauchen, trinken und ausgehen bis zum Morgengrauen. Wie kann man mit dem Gruppendruck umgehen? Bergmann: Entspannt den eigenen Weg vertreten, kommunizieren, dass das Bedürfnis des Kindes nicht falsch ist, aber es selbst auch dafür verantwortlich ist. Wenn das Taschengeld nicht ausreicht, muss man sich einen Job suchen, wenn es das neueste Handy sein soll, dafür sparen. Es ist gut, wenn Kinder lernen, dass nicht alles vom Himmel fällt und sie mit Engagement Ziele erreichen und sich Wünsche erfüllen können. Thema Schule: Mach ich morgen, wird schon werden - Eltern wünschen sich mehr Fleiß, Disziplin und Genauigkeit. Wie lässt sich das trainieren? Bergmann: Das bewegt alle, Familien stehen da heutzutage unter einem großen Druck. Alle wünschen sich die beste Schulbildung für ihr Kind, haben Angst, dass es auf der Strecke bleibt. Viele leisten deshalb bei Hausaufgaben und Referaten mehr als nur Hilfestellung. Da zählen Mut und Vertrauen: Das Kind wird seinen Weg gehen, als Eltern steht man beratend zur Seite, hört sich seine Sichtweise an. Jedes Kind lernt anders, und nicht für alle ist das Gymnasium die passendste Schulform. Grundsätzlich wollen Kinder lernen, aber manchmal nicht so, wie es in vielen Schulen vermittelt wird. Eltern neigen heute dazu, ihre Kinder vor allem Bösen bewahren zu wollen. Dabei ist Eigenverantwortung doch ganz wichtig für die Jugendlichen, oder? Bergmann: Ja, deshalb sollte man lieber ein gutes Vorbild sein. Kinder lernen von ihren Eltern, wie sie Herausforderungen meistern, mit Schwierigkeiten umgehen und auch mal die Zähne zusammenbeißen. Haben Smartphones und Tablets das Familienleben verändert? Bergmann: Definitiv. Das Handy ist fast angewachsen am Arm, nicht nur bei den Jugendlichen. Nicht verteufeln, sondern den richtigen Umgang finden. Zeiten finden, wo es mal nicht präsent ist, zum Beispiel beim gemeinsamen Abendbrot. So schafft man Raum für Beziehungen. Aber Eltern müssen auch akzeptieren: Heute läuft die Kommunikation der Jugendlichen übers Smartphone. Wir haben früher stundenlang telefoniert. Was kann man noch tun, um den gemeinsamen Alltag stressfreier und entspannter zu gestalten? Bergmann: Darauf vertrauen, dass das Kind seinen eigenen Weg macht und gut durchs Leben kommt. Und man sollte auf sich selbst achten und manches nicht zu eng und mit Humor sehen.

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