Wann geht es vorbei: Schwangerschaftsübelkeit kann Frauen jegliche Lebensqualität nehmen - und ist immer noch schlecht erforscht. - © picture alliance/PhotoAlto
Wann geht es vorbei: Schwangerschaftsübelkeit kann Frauen jegliche Lebensqualität nehmen - und ist immer noch schlecht erforscht. | © picture alliance/PhotoAlto

Bielefeld "Wie wochenlang Magen-Darm": Warum Schwangerschaftsübelkeit eine Krankheit ist

Immer noch wissen Ärzte wenig über die genaue Ursache für "Emesis gravidarum"

Anneke Quasdorf

Bielefeld. "Guter Hoffnung sein" heißt Schwangerschaft im Volksmund. Für viele Frauen aber ist das erste Vierteljahr dieser Zeit wie ein Alptraum - zumindest dann, wenn sie unter schlimmerer Schwangerschaftsübelkeit leiden. Lange Zeit als reine "Morgenübelkeit" verharmlost, beschreiben Mediziner das Phänomen mittlerweile als ernstzunehmende Krankheit - aber eine richtige Erklärung haben sie nicht dafür. Es ist nur ein kleiner Hauch, der Duft von frischem Toast, dem Aftershave des Mannes oder sogar dem seit Jahren benutzten Waschmittel und schon dreht sich schwangeren Frauen der Magen um. Für viele ist die Nachricht von Herzogin Kates Schwangerschaft auch deshalb so sensationell, weil die Britin es damit zum dritten Mal freiwillig auf sich nimmt, Tag und Nacht so zu leiden. Die Herzogin ist die wohl prominenteste Patientin in Sachen schwerer Schwangerschaftsübelkeit, erschien bereits bei ihren zwei ersten Kindern monatelang nicht in der Öffentlichkeit. "Dass Kate nochmal schwanger geworden ist, hat mich tatsächlich auch erstaunt", sagt Martina Störmer, Leitende Oberärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe am Evangelischen Klinikum Bethel. "Denn Patientinnen, die unter Hyperemesis gravidarum, also der besonders schweren Form der Schwangerschaftsübelkeit leiden, haben im Prinzip gar keine Lebensqualität mehr." Folgen bis hin zur Depression Tag und Nacht ist diesen Frauen übel, sie müssen sich häufig erbrechen, können kaum Essen oder Flüssigkeit bei sich behalten, sind völlig ausgeschaltet, leiden oft unter depressiven Verstimmungen. Ärzte unterscheiden deshalb zwischen "Hyperemesis gravidarum" und harmloserer "Emesis gravidarum", einer Form der Übelkeit, bei der Schwangeren tatsächlich nur morgens schlecht ist. Das Problem: Auch dazwischen ist alles möglich. "Wir kennen hier die ganze Bandbreite", sagt Störmer. "Patientinnen, denen den ganzen Tag oder nur abends oder nur nachts übel ist, die sich permanent übergeben, oder gar nicht, obwohl ihnen so schlecht ist." Auch ist vielen Frauen weitaus länger elend, als die ersten 12 Wochen. "Im schlimmsten Fall hört die Übelkeit erst mit der Geburt des Kindes auf." Doch die Krankheit ist nicht nur unberechenbar, sondern auch schlecht erforscht, die Ursache nahezu unbekannt. "Selbst in medizinischen Lehrbüchern findet man keine zufriedenstellende Erklärung", so Störmer. Immerhin sicher ist man sich in der Medizin mittlerweile hinsichtlich des Schwangerschaftshormons HCG als Auslöser. Weil die Übelkeit bei Schwangeren oft dann am schlimmsten ist, wenn der HCG-Spiegel im Blut am höchsten steht, nämlich zwischen der 8. und 12. Schwangerschaftswoche. Angst vor der Verantwortung als Ursache Doch auch eine psychosomatische Komponente schließen Ärzte nicht aus. "Wir haben hier ganz oft den Fall, dass es Frauen besser geht, wenn sie ins Krankenhaus kommen oder in den Urlaub fahren", so Störmer. Auch sie glaubt deshalb: Gefühle wie Überforderung, Ängste, große Verantwortung sind ebenso Ursachen für Schwangerschaftsübelkeit wie Hormone. "Viele Frauen denken ja: Ich bin schwanger, ich muss mich jetzt freuen. Und verdrängen negativere Gefühle, die aber auch ihre Daseinsberechtigung haben. Und die suchen sich dann eben einen anderen Weg, um zur Geltung zu kommen." Was aber können Frauen gegen die Übelkeit tun? Auch hier gilt leider: Ein Patentrezept gibt es nicht. "Ist der Elektrolythaushalt durch das Erbrechen und den Flüssigkeitsverlust schon komplett durcheinander, helfen Infusionen", weiß Störmer. Auch Medikamente wie Vomex werden eingesetzt - machen aber müde. Generell empfehlen Gynäkologen: kleine Mahlzeiten zu sich nehmen, sofort nach dem Aufwachen etwas essen, Brühen trinken. Und auch alternative Methoden setzen sich immer mehr durch: homöopathische Mittel wie Nux Vomica oder Pulsatilla zeigen gute Wirkung, Ingwertee hilft bei manchen Frauen Wunder. "Eine Empfehlung für alle können wir aber nicht aussprechen", so Störmer. Sie plädiert vor allem dafür, Schwangeren auch im frühen Stadium eine psychosomatische Betreuung zukommen zu lassen, damit sie mit ihren Ängsten und Unsicherheiten nicht alleine sind. "Wie drei Monate Magen-Darm" Und sie appelliert an die werdenden Väter, ihre Partnerinnen ernstzunehmen und so gut zu unterstützen, wie es geht. "Vielen fällt es schwer, den Zustand wirklich nachzuempfinden, zumal man ja auch noch gar nichts von der Schwangerschaft sieht. Da hilft es vielleicht, sich die letzte Magen-Darm-Grippe vor Augen zu führen, die schon mit einer Nacht zu lange gedauert hat. Und sich vorzustellen, dass dieser Zustand ungewisse Wochen lang anhalten wird." Eine gute Nachricht gibt es immerhin bei der ganzen Misere: Den ungeborenen Kindern geht es inmitten des ganzen Elends ihrer Mütter meist blendend. "Die nehmen sich, was sie brauchen", sagt Störmer.

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