Fast 3.800 Frauen suchten 2015 in Frauenhäusern Zuflucht - in den meisten Fällen mit Kind. - © picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Fast 3.800 Frauen suchten 2015 in Frauenhäusern Zuflucht - in den meisten Fällen mit Kind. | © picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand/dpa

NRW Wie misshandelten Frauen in Frauenhäusern geholfen wird

Schutz: Polizei und Hilfsorganisationen bieten Opfern häuslicher Gewalt Hilfe an. Die müssen die Straftaten allerdings zuvor melden. Knapp 3.800 Frauen wurden im Vorjahr in NRW-Frauenhäusern aufgenommen

Christine Warnecke

Bielefeld. Die meisten Häuschen auf der digitalen Karte von Nordrhein-Westfalen sind rot - das heißt also voll belegt. Eins ist gelb, vier sind grün. Die Häuser markieren, in welchen Frauenhäusern aktuell noch Plätze für Frauen (gelb) oder Frauen mit Kindern (grün) frei sind. "Wir sind dauerhaft überbelegt", heißt es aus mehreren Häusern in der Region. 3.761 Frauen wurden 2015 in 62 Frauenhäuser in NRW aufgenommen, zehn von ihnen stehen in OWL. So sagen es die aktuellen Statistiken des Frauen-Info-Netzes, das auch die digitale Häuser-Karte pflegt. Mit den Frauen kamen 3.820 Kinder. 6.653 Aufnahmegesuche konnten nicht erfüllt werden. "Pro Tag müssen wir leider ein bis zwei Frauen abweisen", so eine Mitarbeiterin aus Bielefeld. Dabei müssen die Frauen raus aus ihrer gewohnten Umgebung, raus aus einer Beziehung, in der sie Gewalt erleben, von Schlägen und Tritten bis hin zu Vergewaltigungen. In den Frauenhäusern können sie zur Ruhe kommen - und anfangen gegen die Täter, die oft Menschen aus dem engeren Bekanntenkreis sind, vorzugehen. "Die Zusammenarbeit mit der Polizei läuft gut" Die letzte bundesweite Analyse des Bundeskriminalamtes zeigt, dass 2015 deutschlandweit 127.457 Personen Opfer von Gewalttaten ihres Partners oder Ex-Partners wurden, davon mehr als 104.000 Frauen. Einfache Körperverletzung macht den größten Anteil der Straftaten aus: Fast 66.000 Fälle wurden gemeldet. Es folgen Bedrohungen (rund 16.000 Fälle), gefährliche Körperverletzung (gut 11.000 Fälle), Stalking (rund 7.900 Fälle) und Mord und Totschlag mit 331 Fällen. 82 Prozent der Opfer sind Frauen. Es ist von einer großen Dunkelziffer auszugehen, da die Opfer ihre Situation oft als ausweglos wahrnehmen und sich nicht an die Polizei oder Hilfestellen wenden. Für besonders gefährdete Menschen hat unter anderem die niedersächsische Polizei ein Programm aufgelegt, den "Operativen Opferschutz". Beamte organisieren als letzte Möglichkeit ein neues Leben: das Abschneiden aller alten Verbindungen, eine neue Wohnung, ein neuer Name. Sie begleiten oft über Jahre und prüfen bei den Behörden ob es Auskundschaftsversuche der Täter gegeben hat. Ein solch spezielles Programm gibt es in NRW nicht, sagt Jan Sabacker, Pressesprecher vom Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste. "Wir haben aber schon viel länger im Bereich Opferschutz Handlungsmöglichkeiten, die denen in Niedersachsen gleichkommen", sagt er. Zeit für Schutzmaßnahmen schaffen "Im NRW-Polizeigesetz ist etwa eine Wohnungsverweisung mit Rückkehrverbot verankert. Täter können für zehn Tage der Wohnung des Opfers verwiesen werden." Damit bekommt das Opfer Zeit, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Ansprechpartner sind die Kreispolizeibehörden, bei denen es spezialisierte Beamte für den Opferschutz gibt. Zwischen Polizei, Frauenhäusern und Hilfsorganisationen wie dem Weißen Ring besteht Austausch. "Die Zusammenarbeit mit der Polizei läuft gut", sagt Claudia Fritsche von der Koordinierungsstelle der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW. Kritik übt sie an der Finanzierung durch das Land NRW: "Seit 40 Jahren gibt es Frauenhäuser - aber sie basieren immer noch auf einer Projektförderung. Theoretisch kann jedes Jahr am 31. Dezember der Bescheid kommen, dass ab dem nächsten Tag kein Geld mehr kommt." Ein solch gesamtgesellschaftliches Problem wie häusliche Gewalt sollte aber nicht vom politischen Willen abhängen, sagt sie. Etwa 40 Prozent des finanziellen Bedarfs decken die Frauenhäuser durch Spenden, sie werden vor allem für Personalkosten und bauliche Maßnahmen gebraucht. Aktuell geben es die Häuser nicht her, dass jede Frau ein Einzelzimmer bekommt. Das sei nach gewaltvollen Erfahrungen aber wichtig, um Stabilität herzustellen.

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