Familie zuerst: Nicht nur Frauen wünschen sich mehr Zeit für das Privatleben. Auch Männer ziehen Freizeit der Karriere vor. - © picture alliance / dpa Themendienst
Familie zuerst: Nicht nur Frauen wünschen sich mehr Zeit für das Privatleben. Auch Männer ziehen Freizeit der Karriere vor. | © picture alliance / dpa Themendienst

Bielefeld Immer mehr Deutsche stellen Privatleben über Karriere

Arbeitsmodelle: Jede dritte Führungskraft in Deutschland denkt über einen Ausstieg nach. Weniger als die Hälfte der Arbeitnehmer strebt eine gehobene Position an

Friderieke Schulz

Bielefeld. Immer weniger Deutsche streben auf der Karriereleiter den Weg nach oben an. Immer mehr Raum wollen Arbeitnehmer ihrem Privatleben geben. Die Gründe dafür sind überraschend. "Ich möchte keine Karriere machen", sagt Kira Storck. Zu groß sei die Passiverfahrung durch die Eltern gewesen: "Mein Vater war praktisch nie zu Hause. Er hat Karriere gemacht, aber nicht erlebt, wie seine Kinder aufgewachsen sind, kein Fußballspiel, kein Reitturnier gesehen. Mir hat das als Kind wehgetan. Ich möchte es meinen Kindern ersparen und flexibler arbeiten, um da sein zu können." Mit dieser Aussage ist die 26-Jährige Ostwestfälin kein Einzelfall. "Das hören wir häufiger. Das Karrierenmodell von früher ist heute nicht mehr gefragt. Es hat ein klarer Werte- und Sinneswandel stattgefunden", sagt Martin Spilker von der Bertelsmann Stiftung. Eine Studie der Gütersloher zeigt zudem, dass besonders Führungskräften die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig sei. Mangelnde Aufstiegschancen Doch das gilt auch für den normalen Arbeitnehmer, wie eine Studie des Beratungs- und Prüfungsunternehmens EY zeigt. So hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Zahl derer, die sich nicht für einen Aufstieg interessieren oder ihn nicht möchten, um mehr als 10 Prozent erhöht. Ein Grund dafür sind mangelnde Aufstiegschancen. Nur 40 Prozent der Befragten sehen sie für sich in ihrem Unternehmen. Ein Trend, den auch Spilker feststellt: "Die Hierarchien werden immer flacher. Aber auch immer mehr Beschäftigte hinterfragen den Sinn ihres Tuns." Kritik am Gehalt oder am Unternehmen stehe nicht im Vordergrund: Laut Bertelsmann und EY sind 80 Prozent der Arbeitnehmer zufrieden mit ihrem Arbeitsumfeld und Gehalt. "Aber die Frage nach dem Preis einer Karriere stellen sich viele. Nicht nur Frauen. Auch Männer stellen sich die Frage. Sie beantworten sie nur noch anders", so Spilker. Das Umdenken zugunsten des Lebens ist kein neuer Effekt. Laut EY hat er sich nur in den vergangenen zwei Jahren zugespitzt. Spürbar ist das Umdenken aber schon seit fünf Jahren, sagt Spilker: "Und es ist kein Phänomen der Generation Y." Auch Führungskräfte wollen zurückstecken Doch nicht nur immer mehr Arbeitnehmer sind karrieremüde. Auch jede dritte Führungskraft in Deutschland denkt über den Karriereausstieg nach. "Die Anforderungen der Wirtschaft sind gestiegen und auch die der Mitarbeiter an ihre Führungskräfte. Zugleich vermissen viele mehr Unterstützung von ihrem Arbeitgeber", so Spilker. Den Arbeitnehmern eine möglichst große Flexibilität der Arbeitsstruktur zu ermöglichen, würde gerade Führungskräfte Flexibilität kosten und dazu führen, dass sie selbst ein freizeitfreundliches Arbeitszeitmanagement nicht wahrnehmen können. Sie sind es, bei denen alternative Modelle meist nicht mehr funktionieren. Mehr Zeit für das Leben "Dieser Trend ist auch in OWL nicht anders", sagt Spilker und rät Unternehmen umzudenken. "Es gibt viele Möglichkeiten, den Trend aufzufangen. Sie könnten ihren Mitarbeitern mehr Alternativen in der Lebensführung anbieten. Es werden mehr Modelle erforderlich, die den Bedürfnissen der Arbeitnehmer nachgehen", so Spilker. Er vermutet, dass sich dieser Trend künftig fortsetzt. "Man muss sich selbst entscheiden, ob man es will oder nicht. Ich möchte es nicht mehr. Mich haben der permanente Druck und die ständige Erreichbarkeit unglücklich gemacht", so Giulia Emmerich. Die Lemgoerin hat sich vor rund einem Jahr für eine Stundenreduzierung entschieden und ihre Führungsposition aufgegeben: "Seitdem habe ich viel mehr Zeit fürs Wichtige: Das Leben."

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