Dieses Paar hat Glück gehabt, sie haben den Schlüssel zur neuen Wohnung. Für manche Gruppen ist es deutlich schwieriger, eine gute Wohnung zu finden. - © dpa/picture alliance
Dieses Paar hat Glück gehabt, sie haben den Schlüssel zur neuen Wohnung. Für manche Gruppen ist es deutlich schwieriger, eine gute Wohnung zu finden. | © dpa/picture alliance

Bielefeld Bielefelder Wohnung zu vergeben: Ein Erfahrungsbericht

Unser Autor inserierte seine Wohnung bei einem Immobilienportal. Und plötzlich brach die Welt über ihn herein. Er musste sich für einen von 184 Interessenten entscheiden - und verstand dabei, was Vermietern wirklich wichtig ist

Stefan Boes

Bielefeld. Ich ziehe bald um, in eine größere Wohnung am Stadtrand von Bielefeld. Ich tausche eng gereihte Häuser, fremd gebliebene Nachbarn, laufende Automotoren und zufallende Haustüren gegen beliebte Wohnlage, Blick auf den Teutoburger Wald, Blick auf den Nachbarbalkon und ruhiges Schlafen. Um einen Nachmieter zu finden, schaltete ich eine Anzeige, zentrale 2-Zimmer-Wohnung mit Garten in Nordpark-Nähe, nannte die Details, nannte die Vorzüge, verschwieg die schlaflosen Nächte und wählte eine Laufzeit von 14 Tagen, um genügend ernst gemeinte Anfragen zu bekommen: Eine kleine Auswahl wäre doch nicht schlecht. Aber es kam anders. Noch am Abend fand ich 72 Anfragen in meinem Maileingang, und das war nur der Anfang. Zur Erinnerung: Das hier ist Bielefeld. Eine Wohnungssuche ist mehr als die Suche nach einer Wohnung Ich begann zu lesen. Die Leute schickten lange Nachrichten, gaben Privates preis, erzählten Lebensgeschichten, Lebenspläne, Schicksale, Tragödien. Da waren die aus Syrien geflohenen Brüder, die demnächst ihr Studium beginnen wollen. Da war eine Tochter und ein Vater, aber keine Mutter, weil sie an Krebs gestorben ist. Da war die Mitarbeiterin der Straffälligenhilfe, die eine Wohnung für einen Haftentlassenen sucht. Die alleinerziehende Mutter eines Mädchens, das noch im Krankenhaus liegt, weil es ein Frühchen ist. Da war der Schlosser. Die chinesische Studentin. Der Rewe-Mitarbeiter. Die 30-Jährige, die gerne liest und joggt. Der Arzt. Die geschiedene Frau. Und ich. Als ich das alles las, begriff ich zwei Dinge. Eine Wohnung ist viel mehr als eine Wohnung. Eine Wohnung ist ein Rahmen, für die Gemeinschaft in der wir leben wollen. Eine Basis für den Start in eine neue Lebensphase. Ein Zufluchtsort, wenn wir den Trümmern gescheiterter Beziehungen entkommen wollen. Das zweite, das ich begriff: Es hatte sich, ganz plötzlich, etwas verändert, nachdem ich auf „Anzeige schalten" geklickt habe. Ich war in eine Machtposition geraten. Ich musste aussortieren. Aber wen? Wen wollen Vermieter? Es gibt Gruppen, die es schwer haben auf dem Wohnungsmarkt. Migranten zum Beispiel. Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass Migranten türkischer Herkunft, Osteuropäer und Migranten aus dem Nahen Osten stark benachteiligt werden, während EU-Migranten sowie Migranten der zweiten Generation, die akzentfrei deutsch sprechen, deutlich weniger diskriminiert werden. Gerade hat eine Recherche von Spiegel und Bayerischem Rundfunk erneut gezeigt, dass allein ein ausländischer Name für deutlich schlechtere Chancen sorgt. Auch der soziale Status spielt eine entscheidende Rolle. Hartz-IV-Empfänger haben oft Probleme, eine gute Wohnung zu bekommen. Aber auch Paare mit Kindern oder Alleinerziehende haben es häufig schwerer. Wen also suchen Vermieter, nach welchen Kriterien entscheiden sie? „Grundsätzlich muss der Mieter natürlich in der Lage sein, die Miete zu bezahlen. Eine positive Schufa-Auskunft ist auch ein wichtiges Kriterium", sagt Julia Wagner vom Eigentümerverband Haus und Grund. Viele Anfragen ignorierte ich Hinzu kämen jedoch auch viele „weiche" Faktoren, die nicht zu unterschätzen seien: „Der Vermieter wird stark darauf achten, dass ein Mieter in die Mieterstruktur des Hauses passt, denn er ist an einem harmonischen Miteinander interessiert." Auch Sympathie spiele eine große Rolle, sagt Wagner. Ich frage sie auch nach der Diskriminierung von Migranten. „In Deutschland gilt das Antidiskriminierungsgesetz. Daran halten sich die privaten Vermieter", ist ihre Antwort, auch mit Blick auf die Unterbringung von vielen Geflüchteten durch private Vermieter. Und was habe ich gemacht? Habe ich mich an das Antidiskriminierungsgesetz gehalten? Ehrlich gesagt, nein. Anfragen in schlechtem Deutsch ignorierte ich. Einem schwulen Paar sagte ich ab, da ich Bedenken hatte, dass es Vorbehalte von den anderen Hausbewohnern geben könnte.  Die Sache mit der Straffälligenhilfe erschien mir zu kompliziert. Und manche Schicksale einfach zu groß für die 56 Quadratmeter dieser Wohnung. Ich machte es mir leicht. Vielleicht sind Vermieter bequem. Sie schätzen das, was sie einschätzen können, was unkompliziert ist, sicher klingt. Junges, deutsches, heterosexuelles Studentenpaar mit finanzieller Absicherung durch die Eltern, zum Beispiel. Zwei solcher Paare lud ich ein. Beide zeigten Interesse. Nun aber einfach so für die einen und gegen die anderen entscheiden, das wollte ich nicht. Also nannte ich meinem Vermieter beide Interessenten, die jetzt immerhin eine 50:50-Chance hatten. Bis hierhin haben es die anderen 182 Interessenten gar nicht erst geschafft. Ich hatte mich gegen sie entschieden, einfach so. Jetzt ist der Vermieter am Zug. Was am Ende den Ausschlag gibt, wird sein Geheimnis bleiben.

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