Warnt vor Übergewicht: Der Paderborner Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker. - © Marc Köppelmann
Warnt vor Übergewicht: Der Paderborner Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker. | © Marc Köppelmann

Essen & Trinken Paderborner Ernährungsexperte: "Übergewicht ist der Normalzustand"

Der Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker spricht über lebenslange Folgen einer Gewichtszunahme, das Essverhalten von Männern und Frauen und erfundene Lebensmittelunverträglichkeiten

Carolin Nieder-Entgelmeier

Herr Heseker, wie isst der Durchschnittsdeutsche? Helmut Heseker: Grundsätzlich herrscht eine große Heterogenität im Ernährungsverhalten in Deutschland, allerdings befolgt ein Großteil der Bevölkerung wichtige Ernährungsempfehlungen nicht oder nur teilweise. Problematisch ist vor allem überreichliches Essen mit zu viel Zucker, Fett und Salz. Viele Menschen haben eine positive Energiebilanz, nehmen also jeden Tag mehr Kalorien auf, als sie verbrauchen. Da der Körper überschüssige Kalorien aber nur begrenzt verbrennen kann, nimmt der Durchschnittsdeutsche so pro Jahr zwischen ein und zwei Kilogramm zu. Ein weiteres Problem ist die hohe Kochsalzaufnahme, da wir vor allem industriell verarbeitete Lebensmittel zu uns nehmen. Die Lebensmittelindustrie fügt Nahrungsmitteln Kochsalz zu, um sie haltbar und schmackhaft zu machen. Mit einer zu hohen Kochsalzzufuhr riskiert man jedoch einen erhöhten Blutdruck. Ernähren sich Männer anders als Frauen? Heseker: Männer essen insgesamt mehr als Frauen. Zudem essen sie mehr Fleisch und konsumieren mehr Alkohol. Obst und Gemüse werden hingegen mehr von Frauen verzehrt. Im Durchschnitt essen Frauen also gesünder. Das belegt auch die Gewichtsentwicklung mit Blick auf die Geschlechter. Die Mehrheit der deutschen Männer ab dem 35. Lebensjahr ist übergewichtig. Für Frauen gilt das erst ab dem 55. Lebensjahr. Übergewicht ist in unserer Gesellschaft mittlerweile der Normalzustand. Dies ist übrigens ein Fluch unserer steinzeitlichen Gene, denn wir können gar nicht anders als zuzunehmen, wenn wir täglich mehr Kalorien aufnehmen als wir verbrauchen. Der Körper legt immer noch die Fettreserven in Erwartung schlechter Zeiten an. Da diese zum Glück schon seit Jahrzehnten nicht mehr über uns gekommen sind, nehmen wir von Jahr zu Jahr zu. Das ist gefährlich, denn über 80 Prozent der Menschen, die einmal fettleibig sind, schaffen es ohne ärztliche Hilfe nicht zurück zum Normalgewicht. Nie zuvor wussten wir so viel über Lebensmittel, trotzdem ist Deutschland so dick wie nie zuvor. Wie passt das zusammen? Heseker: Die Lebensmittelindustrie hat es in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, sehr schmackhafte und günstige Lebensmittel herzustellen. Übergewicht entsteht vor allem, wenn man zu viel Fett, Zucker und Salz zu sich nimmt. Doch genau diese drei Zutaten sind in vielen Lebensmitteln enthalten. Problematisch sind vor allem auch gesüßte Erfrischungsgetränke. Der Konsum erhöht das Risiko für Übergewicht in allen Altersgruppen, weil der Körper die Kalorien, die man über Getränke aufnimmt, nicht wahrnimmt. So entsteht trotz einer Vielzahl an Kalorien kein Sättigungsgefühl. Ein halber Liter Cola hat beispielsweise 220 Kalorien. Deshalb sollte der Flüssigkeitsbedarf lieber mit Wasser gedeckt werden. Viele Menschen stellen ihre Ernährung aufgrund von Nahrungsunverträglichkeiten um. Ist das sinnvoll? Heseker: Ja, aber nur, wenn tatsächlich eine echte Nahrungsmittelunverträglichkeit vorliegt. Generell gilt, dass man bei einem Verzicht auf für die Nährstoffversorgung wichtige Lebensmittelgruppen gute Lebensmittelkenntnisse braucht, um die dadurch geringere Nährstoffaufnahme zu kompensieren und Mängel zu vermeiden. Inzwischen glauben 23 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, dass sie an einer Nahrungsmittelverträglichkeit leiden, obwohl das tatsächlich nur auf zwei bis drei Prozent zutreffen dürfte. Die Lebensmittelindustrie hat darauf reagiert und zahlreiche neue Produkte hergestellt, die Konsumenten vermitteln, dass Lebensmittel ohne Laktose, Fruktose oder Gluten generell besser sind, was nicht stimmt. Gibt es Diäten, die funktionieren? Heseker: Kurzfristig funktionieren fast alle Diäten, wenn man durch diese gezwungen wird, sich mit seinem Ernährungsverhalten auseinanderzusetzen. Einseitiger Verzicht führt aber nicht zu einer dauerhaften Rückkehr zum Normalgewicht. Der einzige Weg ist eine an den Kalorienbedarf angepasste Ernährung, indem man lernt, auf Dauer kalorienärmere Lebensmittel zu bevorzugen. Wer sich viel bewegt, kann mehr und reichhaltiger essen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine an den Energiebedarf angepasste, vollwertige, abwechslungsreiche Mischkost. Deutschland wird immer dicker, doch das Übergewicht bei Schulanfängern ist rückläufig. Heseker: Wir gehen davon aus, dass die Präventionsangebote Wirkung zeigen und Eltern mehr auf die Ernährung ihrer Kinder achten. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass noch immer zehn Prozent der Schulanfänger übergewichtig sind. Im Verlauf der Schulzeit wächst der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher. Mit dem Ende der Schulzeit sind 20 Prozent der jungen Erwachsenen übergewichtig und zum Zeitpunkt der Pensionierung 75 Prozent. Die 25 Prozent, die es schaffen schlank zu bleiben, haben in der Regel einen höheren Bildungsgrad. In unteren sozialen Schichten kommt Übergewicht besonders häufig vor. Das zeigt, dass es wichtig ist, über seine Ernährung nachzudenken und sich gute Lebensmittelkenntnisse anzueignen. In Deutschland steigt der Anteil übergewichtiger Frauen in der Schwangerschaft. Hat das Auswirkungen auf die Kinder? Heseker: Im Durchschnitt nimmt eine Frau während der Schwangerschaft 14 Kilogramm zu, deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Das hat zur Folge, dass auch das Geburtsgewicht der Kinder steigt und mehr Kaiserschnitte durchgeführt werden müssen. Zudem haben Kinder, die mit einem hohen Geburtsgewicht zur Welt kommen, ein erhöhtes Risiko übergewichtig zu werden und an Diabetes zu erkranken.

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