Unnötiger Müll: Mittlerweile hat der Kaffeebecher die Plastiktüte als Abfallprodukt Nummer 1 abgelöst. - © dpa
Unnötiger Müll: Mittlerweile hat der Kaffeebecher die Plastiktüte als Abfallprodukt Nummer 1 abgelöst. | © dpa

Bielefeld Coffee-to-go-Becher sind größtes Abfallprodukt in OWL

Vermeiden können umweltinteressierte Kunden den Müll allerdings kaum

Anneke Quasdorf

Bielefeld. 320.000 Kaffeebecher werden in der Bundesrepublik laut Deutscher Umwelthilfe verbraucht - und zwar stündlich. Das bedeutet auch: Pro Stunde landen 320.000 Kaffeebecher im Müll. Umgerechnet auf Bielefeld sind das laut Verbraucherzentrale 20 Millionen Becher im Jahr. Damit hat der Kaffeebecher die Plastiktüte als Abfallverursacher Nummer 1 abgelöst. Viele Umweltorganisationen werben mit Mehrwegbechern, um den Müll einzudämmen. Klingt einfach. Ist aber gar nicht erlaubt. Im Coffeestore am Alten Markt in Bielefeld geht zu Stoßzeiten Kaffee im Minutentakt über den Tresen. Oft in Porzellantassen oder Gläsern, oft aber auch im klassischen Pappbecher - eben "to go". Rund 20 Prozent seines Umsatzes macht Inhaber Axel Deppe mit dem Mitnahmegeschäft. Immer ist er sich dabei der Umweltproblematik bewusst. "Aber in dieser Hinsicht sind mir durch das Gesundheitsamt die Hände gebunden. Ich darf keine mitgebrachten Becher hinter die Theke nehmen, wo Keime den Arbeitsbereich verschmutzen könnten. Außerdem gibt es in Deutschland für Gastronomen das Produkthaftungsgesetz." Das sagt: Wenn hinterher jemand mit Beschwerden kommt, muss der Inhaber dafür geradestehen. "Denn ich kann dann unmöglich nachweisen, dass es nicht an meinem Kaffee liegt." Das Risiko ist zu groß Auch Henrik Krömker vom Kontor-Kaffee in Herford kennt die Bestimmungen und hält sich daran, obwohl er oft ein schlechtes Gewissen hat. "Eigentlich würde ich den Kaffee gern in wiederverwertbaren Bechern ausschenken. Aber das Risiko kann ich schon aus Eigeninteresse nicht eingehen." Das gleiche Szenario gibt es in der Paderborner Fair-Trade-Kaffeerösterei Contigo. Hier bedient man sich eines Kniffs, um trotz aller Bestimmungen Kaffee in Mehrwegbechern mitgeben zu können. "Wir füllen das Getränk zuerst in ein Kännchen", sagt Filialleiterin Tanja Steins. "Und schütten dann jenseits der Theke in den mitgebrachten Becher um. So ist das hygienisch einwandfrei." Zusammengefasst heißt das: Für Kunden ist es entweder unmöglich oder umständlich, wenn sie ihren Kaffee umweltfreundlich mitnehmen wollen. Und es wird auch klar: Ökologische Aspekte haben in der Wirtschaft einmal mehr eben nicht die oberste Priorität. Die Frage bleibt, ob Kunden darüber streiten würden, was wichtiger ist: strenge Hygiene oder Umweltschutz. Strenge Hygiene ist notwendig Beim Gesundheitsamt für den Kreis Paderborn streitet man darüber nicht. Hier ist ganz klar: Die Hygiene steht im Vordergrund, unter allen Umständen. "Wir haben in Deutschland einen sehr hohen Standard, was diese Dinge betrifft", sagt Kreissprecherin Michaela Pitz. "Sobald Gegenstände von außen hinter die Theke genommen werden, kommt es zu einer Kontamination, würde man damit den ganzen Laden infizieren. Und wir haben genug Erfahrungen mit EHEC-Keimen oder Listerien, um zu wissen, dass wir hier strenge Richtlinien brauchen." Einer, der es ganz anders macht, und dem diese Vorschriften zu starr sind, ist Gastronom Rolf Grotegut. Ihm gehören die beiden Filialen des M-Kaffees in Bielefeld und Gütersloh. Bereits seit dem vergangenen Jahr bietet er Mehrwegbecher an, die Kunden bei ihm kaufen können. Dafür gibt es anschließend auf jeden Kaffee, der in diesem Becher zubereitet wird, 30 Cent Rabatt. Und: So lange der Kunde den Becher trocken und sauber mitbringt, füllt Grotegut den Kaffee direkt hinein. "Den Deckel behält der Kunde, ich schütte Kaffee oder Milch in den Becher, ohne dass die Gefäße miteinander in Berührung kommen. Das ist hygienisch einwandfrei." Auch er weiß, dass er im Ernstfall Haftung übernehmen müsste. "Aber da gehe ich erstmal positiv dran. Und vertraue meinen Kunden, dass die mir wohlgesonnen sind." Verbraucher haben kein Interesse Ein ganz anderes Problem ist allerdings auch die Haltung des Verbrauchers selbst. Denn alle befragten Gastronomen sagen dasselbe: Es sind wenige Kunden, die von sich aus einen Mehrwegbecher mitbringen. Fabian Theune, Filialleiter bei Meyerbeer Coffee Paderborn, bringt es auf den Punkt: "Bei uns gibt es seit Jahren Thermobecher zu kaufen. Die Produktion so eines Bechers ist sehr kostenintensiv. Außerdem muss man das Produkt in großer Stückzahl abnehmen, damit man überhaupt einen Partner findet, für den das Ganze lukrativ genug ist. Jetzt ist einer unser größten Ladenhüter - der Thermobecher. Die Menschen, und das merken wir an all unseren Standorten, sind noch nicht soweit, täglich daran zu denken, ihren Becher überall mit hinzunehmen." Trotz dieser Erfahrungen strebt das niedersächsische Umweltministerium ein Pfandsystem für Kaffeebecher an. Hier würden derzeit mehrere Varianten für ein Kaffeebecher-Pfandsystem geprüft, teilte ein Sprecher mit. So gebe es die Option, Mehrwegbecher einzuführen oder Kundenbecher wieder zu befüllen. Für NRW gibt es solche Pläne derzeit scheinbar noch nicht. "Die Frage ob dieses Problem gesetzlich angegangen werden soll, liegt zunächst beim Bund", sagt Tanja Albrecht, Pressesprecherin im Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW. "Die Umweltminister der Länder haben die Bundesregierung bereits gebeten, unterschiedliche Ansätze zur Reduzierung der Menge an Einwegkaffeebechern durch Konsumentenaufklärung und freiwillige Maßnahmen der Wirtschaft auf Umsetzbarkeit und Wirksamkeit zu prüfen. Darüber hinaus wurde der Bund auch aufgefordert, andere rechtliche Maßnahmen zu prüfen, falls die freiwilligen Maßnahmen keinen Erfolg haben. Freiburg ist Vorreiter fürs Pfandsystem Dehoga-Geschäftsführer Thomas Keitel sieht die Pfandidee ebenfalls kritisch. "Natürlich ist das Problem mit dem Müll da, da müssen wir ran und können uns nichts vormachen. Aber es ist eine sehr schwierige Aufgabe, so ein Pfandsystem umzusetzen. Das beginnt ja schon damit, dass bei einem einheitlichen Becher die Betriebe auf ihr Logo verzichten müssten." Auch Tanja Steins von der Paderborner Rösterei Contigo ist dieser Meinung. "Außerdem müsste man den Pappbecher dann ja verbieten. Sonst würden die Leute die bestimmt weiter benutzen." Bettina Willner von der Verbraucherzentrale Bielefeld begrüßt ein Pfandsystem für NRW. Allerdings geht auch sie davon aus, "dass es viele Vorbehalte geben wird. Das zeigt leider die Erfahrung." Zuletzt hatte die Stadt Freiburg einen einheitlichen Pfandbecher eingeführt, der in 16 Cafés und Backshops Gültigkeit hat. Axel Deppe, Inhaber des Coffee Stores Bielefeld, hat hingegen einen einfachen und schnell umzusetzenden Tipp zur Lösung des Müllproblems: "Sich Zeit nehmen und den Kaffee gemütlich aus der Porzellantasse im Café trinken." Da könnte was dran sein.

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